Beziehungsaufbau zum Second-Hand-Hund

Eigentlich wollte ich ein wenig über Bindungsaufbau zwischen Hund und Halter schreiben, aber bei der Planung des Artikels wurde mir immer deutlicher bewusst, dass vor der eigentlichen Bindung der Beziehungsaufbau zum Hund von ganz zentraler Bedeutung ist. Ohne richtige Beziehung zum Hund ist eine Bindung zum Halter hin nicht möglich. Daher schauen wir uns heute den Weg an, wie ich diese Beziehung zu meinem neuen Hund aufbaue.

Dabei geht es vorrangig um Hunde, die aus dem Tierheim bzw. aus dem Tierschutz zum Menschen kommen. Diese Hunde haben oft eine Geschichte, die im Dunkeln liegt. Sei es weil sie mehr oder weniger schlechte Erfahrung mit Menschen gemacht haben oder eben überhaupt keine. Natürlich kann man viele der Übungen, die ich hier beschreibe, auch auf Welpen anwenden. Dort werden die Erfolge wesentlich eher eintreten. Aber ich möchte hier lieber den schwierigeren Weg mit schon erwachsenen Hunden darlegen.

Die Situation von Tierheimhunden ist oftmals fatal. Abgegeben von Menschen, die nicht mit ihnen klar kamen oder deren Lebensumstände sich veränderten und dort kein Platz mehr für den Vierbeiner war. Diese Tiere werden ausgesetzt, auf Rastplätzen angebunden gefunden oder eben im Tierheim abgegeben. Plötzlich ist der Mensch des Hundes nicht mehr da und die Tiere finden sich in Zwingern wieder. Sie müssen sich auf das Tierheimpersonal einstellen und werden von Fremden Gassi geführt. Dort ist nicht wirklich ein Mensch vorhanden, zu dem man eine Beziehung oder Bindung aufbauen könnte.

Ein wenig anders sieht es bei Tieren aus dem Tierschutz aus, die aus dem Ausland kommen. Oft haben diese Tiere auf der Straße, in mehr oder weniger festen Rudeln gelebt und mussten mit dem Leben, was Menschen weg warfen. Später wurden sie eingefangen und in Tierheimen unter sehr widrigen Umständen gehalten, bevor sie nach Deutschland kamen. Das Leben auf der Straße hat ihnen oft den Menschen in seiner negativen Form gezeigt und dementsprechend ängstlich reagieren diese Hunde dann auf uns. Auch muss man sich vor Augen halten, dass Hunde in einigen Länder wie Schädlinge bekämpft werden oder gar als unrein gelten und so dann auch gehalten werden.

Wie beginnt man aber nun mit Hunden eine Beziehung aufzubauen, deren Verhältnis zum Menschen durch solcher Art von Erfahrungen gestört ist? Grundsätzlich sollte man einige Male mit dem Hund und seinem Gassigeher aus dem Tierheim spazieren gehen und schauen, wie sich der Hund dabei verhält. Gerade diese Gassigeher haben sehr viel Erfahrungen mit verschiedenen Hunden und sind gerne bereit, ihr Wissen mit dem Interessenten zu teilen, denn ein gut vermittelter Hund ist auch für diese oft ehrenamtlich tätigen Tierfreunde ein Erfolg.

Wenn man sich dann für einen Hund entschieden hat, kommt dieser dann schnell ins neue Heim. Sofort sollten Sie beginnen mit viel positiver Verstärkung, dem Hund die Eingewöhnung so angenehm wie möglich machen. Viele Hunde reagieren sehr gut auf übliche Leckerchen. Aber Sie können gerade in der Anfangsphase mit Superleckerchen, wie Käse oder Wurst, zu arbeiten. Auf keinen Fall sollte Sie jetzt schon anfangen mit Verboten zu arbeiten oder durch Strafe negativ auf den Hund einzuwirken!

Der Hund sollte die Möglichkeit haben, sein neues Heim eigenständig kennen zu lernen. Lassen Sie ihn ruhig ein wenig durch die Wohnung oder das Haus stromern, damit er sieht, wo er jetzt lebt. Zeigen Sie ihm seinen Wassernapf und sein Körbchen oder seine Decke. Verlangen Sie aber auch nicht zu viel von ihm. Alles ist neu und wird ihn schnell ermüden. Geben Sie ihrem neuen Freund Zeit und fordern sie ihn noch nicht zu stark.

Merken Sie, dass er sich in der neuen Umgebung wohl fühlt, können Sie mit den ersten Übungen beginnen. Dafür sollten Sie sich auf die gleiche Höhe, wie der Hund, begeben. Das heißt, dass Sie sich am besten auf dem Boden setzten, um kleiner und nicht ganz so bedrohlich zu wirken. Bei einigen Hunden sollten sie anfangs den direkten Augenkontakt vermeiden, da dies in der Hundesprache eine Provokation ist. Setzen Sie sich ruhig in die Mitte des Zimmers, wo sich der Hund gerade befindet und versuchen Sie ihn mit Leckerchen zu sich zu locken. Immer wenn er zu ihnen kommt, darf er ein Leckerchen haben.

Wenn ein ängstlicher Hund sich nicht zu Ihnen bewegen will, drehen Sie ihm eher den Rücken zu. Versuchen Sie ein wenig mit der Leckerchentüte zu knistern und stoßen Sie ein paar Quitschlaute aus. Bei den meisten Hunden siegt die Neugier über die Angst. Natürlich wird der Hund noch kein Leckerchen aus ihrer Hand nehmen. Aber sobald Sie merken, dass er sich auf Sie zu bewegt, lassen Sie ein Leckerchen über den Boden zu ihm kullern. Eine schnelle Wurfbewegung kann den Hund aber wieder ängstigen und er wird sich von Ihnen entfernen.

Mit der Zeit wird der Hund immer weiter zu Ihnen hin kommen. Sobald er bei Ihnen ist bekommt er sein Leckerchen und wird, wenn er es zulässt, geknuddelt. Sie sollten diese Übung durchaus mehrmals täglich durchführen. Muten Sie dabei dem Hund aber nicht zu viel zu. Lieber kurze Übungen und dafür mehrere am Tag. Auch ist es sinnvoll die Übungsorte zu wechseln. Wenn Sie einen umzäunten Garten haben, können Sie die Übung auch dort durchführen. Hier sollten Sie aber bedenken, dass die Ablenkung des Hundes weitaus größer ist.

Natürlich müssen Sie auch mit dem Hund nach draußen gehen. Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei die Leine. Ich würde Ihnen raten von Anfang an mit einer Schlepp- oder Feldleine zu arbeiten. Persönlich nutze ich eine Pferdelonge von ca. acht Metern Länge. Diese befestige ich ganz normal am Halsband des Hundes. So hat er mehr Raum, um auf dem Spaziergang seine Umgebung zu erkunden.

Von Anfang an sollten Sie bei dieser Übung den Hund ansprechen und jede Zuwendung zu Ihnen hin belohnen. Selbst wenn der Hund sich automatisch mal zu Ihnen umdreht, ohne dass Sie ihn angesprochen haben, wird er belohnt, denn hier wollen wir mit dieser Übung hin. Der Hund soll sich zu Ihnen umwenden und den Zug aus der Leinen nehmen. Das größte Problem mit den meisten Hunden ist das Ziehen an der Leinen. Meist nutzen die Hunde die volle Länge der Leine und ziehen ihre neuen Menschen mal quer durch den Wald. Das wollen wir eigentlich nicht!

Hier sind wir dann schon beim wirklich schwierigen Teil der Leinenführigkeit. Immer, wenn sich die Leine vollständig spannt, bleiben Sie stehen und sprechen den Hund an. Nutzen Sie dafür immer den Namen des Hundes. Reagiert er indem er sich zu Ihnen umwendet und den Zug aus der Leine nimmt, wird er belohnt. Sollte er dies aber nicht tun, drehen Sie sich kommentarlos um und gehen in die Richtung aus der Sie gerade gekommen sind. Den Hund an der Leine ziehen Sie natürlich hinter sich her. Dabei wird nicht an der Leine geruckt, sondern Sie nehmen ihn einfach mit. Die meisten Hunde fügen sich in den Richtungswechsel.

Verzagen Sie aber nicht, wenn der Hund nach dem Richtungswechsel wieder die Leine spannt. Auch hier gilt: Bleiben Sie stehen, sprechen ihn an und wenn er nicht reagiert, umdrehen und ihn mitnehmen. Das kann natürlich ein sehr kurzer Spaziergang werden, da Sie nicht vom Fleck kommen. Ich bin während einer Trainingseinheit mit einem Hund nur fünfzehn Meter weit gekommen. Immer wieder musste ich mich umdrehen, weil der Kleine immer wie wild zog. Da brauchen Sie ein gutes Durchhaltevermögen. In fast allen Fällen konnte ich die Hunde so führiger machen.

Sobald ihr Hund auf Ihre Ansprache reagiert, führen Sie das Hörzeichen „Schau mal“ oder „Guck mal“ ein. Natürlich bekommt er für seine Reaktion auch eine Belohnung. Dieses Hörzeichen sollten Sie immer belohnen, wenn der Hund es befolgt.

Im weiteren Verlauf des Trainings werden Sie immer längere Spaziergänge machen können, ohne dass Ihr Hund zieht. Trotzdem sollten Sie sich angewöhnen, dass Sie die Richtung vorgeben, in die es geht. Bauen Sie ruhig immer mal wieder spontane Richtungswechsel ein, auch wenn die Leine nicht gespannt ist. Ihr Hund muss lernen, dass er auf Sie Acht geben soll. Wenn er Sie immer im Blick hat oder sich immer mal wieder zu Ihnen umdreht, werden Sie ihm nicht weglaufen können.

Eine schöne weitere Übung sind Kreuzungen, die wir auf unseren Wegen finden. Die meisten Hunde laufen ja vor uns und entscheiden sich für eine Richtung. Viele Menschen laufen einfach ihrem Hund hinterher. Aber eigentlich wollen wir doch entscheiden, wo es lang geht. In dieser Übungen sollten Sie sich dann immer für die Richtung entscheiden, die der Hund gerade nicht gewählt hat. Geht der Hund nach rechts, gehen Sie links oder gerade aus. Wählt er links, gehen Sie rechts. Und immer nehmen Sie ihn ganz kommentarlos mit an der Schleppleine, weil er ja grundsätzlich nichts falsch gemacht hat. Nur Sie entscheiden, wo Sie lang wollen.

Diese Übungen sind dazu da, dass Ihr Hund auf Sie Acht gibt. Er soll sie Im Auge behalten, sonst sind Sie weg. Gleichzeitig verstärken sie über die Leckerchen, die Zuwendung des Hundes zu Ihnen. So werden Sie für den Hund immer wichtiger. Mit der Zeit entwickelt sich so dann eine Beziehungsgrundlage mit der Sie weiter arbeiten können.

Artikel wurde erstellt von:
Tierverhaltensberatung und Hundeschule Björn Eickhoff
Schöllerweg 51
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Björn Eickhoff

Hey, ich bin der Björn. Outdoor, Survival, Hunde und Gear sind genau meine Themen. Neben dem Hundetrainer bin ich Autor und Fotograf.

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