Durch die wilde Argaga-Schlucht

Diesen Tag muss ich mir wohl im Kalender ganz rot anstreichen. Die dritte Wanderung wäre fast die Letzte gewesen. Denn heute wäre ich fast auf La Gomera geblieben.

Nach dem extremen Austieg nach La Mérica am Vortag bin ich eigentlich recht erschöpft. Ich will heute eigentlich langsam machen. So schlendere ich am Ufer entlang zum Fährhafen und von dort unterhalb eines Steilhandes zum Playa de Argaga. Dort ist der Einstieg in die Argaga Schlucht und der Ausgangspunkt einer Rundtour mit Kletterei in einem Felsenlabyrinth. So jedenfalls heißt es in der Tourenbeschreibung der Wanderung 35 aus dem Rother Wanderführer.

EIn Stück gehe ich den Weg hinauf. Bis man in ein ausgetrocknetes Bachbett abzweigen muss. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Wanderung wagen soll. Mir ist mulmig und gehe erstmal zurück ins Hotel. Dort soll eigentlich heute die Reiseleitung erscheinen. Tut sie aber nicht. Und da ich sonst nichts vor habe, schnappe ich mir dann doch meinen Rucksack und mache mich auf die Argaga-Schlucht zu bewältigen.

Etwa anderthalb Stunden später stehe ich wieder vor dem Abzweig ins Bachbett. Über rutschige Bachfelsen leg ich mich natürlich direkt auf die Nase. Ich hätte das als Zeichen sehen und direkt umdrehen sollen. Aber die paar Schrammen können mich nicht aufhalten und so verlasse ich das Bachbett wieder, um die Felsen steil nach oben zu klettern.

Anfangs sieht das noch ganz leicht aus. Aber je höher ich komme, umso steiler wird es. Inzwischen kraxel ich auf allen vieren durch den Fels. Hier muss jeder Handgriff sitzen. Es ist kein Seil da, was mich sichert. Ein Absturz wäre sicherlich übel abgelaufen. Dennoch treibt mich mein Wille an. Abbrechen ist keine Option. Die ganze Wand wieder runter klettern? Da habe ich echt keine Lust drauf.

Immer wieder verliere ich das Wanderzeichen. An einer dieser Stelle treffe ich zwei Paare, die genauso überrascht von dem schwierigen Weg sind, wie ich. Wir plaudern ein wenig und ich schließe mich Ihnen an, schließlich wollen wir alle in die gleiche Richtung.

Nach einigen Höhenmetern verlieren wir wieder das Wanderzeichen. Wir folgen einem Pfad. Doch nach einer steilen Kehre stehen wir vor den Trümmern eines Felsabbruches. Hier geht es nicht weiter. Ich schlage vor, in Gegenrichtung nach den Wanderzeichen zu suchen und mache mich auf dem Weg. Am Ende stehe ich aber vor einer Steilwand. Hier ist kein Weg!

Zurück am Felsabbruch sind alle vier Wanderer verschwunden. Haben sie die Felstrümmer überklettert? Ich probiere das aus. Gebe aber schnell auf, denn das kann definitiv nicht der Weg sein. Also zurück um die Kehre und dort sehe ich die vier etwa 50 Höhenmeter über mir. Anscheinend haben sie das Wanderzeichen gefunden und dann sind sie auch schon außer Sicht. Sie hätten ja mal kurz ein Signal geben können.

Inzwischen habe ich den Weg gefunden, den sie geklettert sind und mache mich auf den Weg. Bisher war ich immer schneller gewesen, doch die anderen Vier sind wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe sie nie wieder getroffen. Hoffentlich haben sie den Weg gemeistert.

Ab hier ist das Wanderzeichen bis zum Ende immer gut sichtbar. Ich kämpfe mich weiter den Berg rauf. Aber die Sonnen macht mich wieder einmal fertig. Ich schwitze zu stark und merke wie mein Körper trotz Wasserzufuhr immer schwächer wird. Auch im Kopf werde ich langsam wirr. Ich brauch eine Pause. Etwa hundert Höhenmeter unterhalb des Gipfels schmeiß ich mich auf den Boden. Ich kann nicht mehr. Die 2,5 Liter meiner Trinkblase sind leer. Ich habe nur noch einen Liter in der Nalgene-Flasche.

Zurück ist keine Option. Aber auch vorwärts will ich nicht mehr. Ich überlege tatsächlich, hier einfach sitzen zu bleiben und aufzugeben. Ich spiele alle meine Möglichkeiten immer wieder im Kopf durch.

Währenddessen werfe ich mir bereits meine dritte Kochsalztablette ein. Nach fünfzehn Minuten verlässt der Druck meinen Kopf. Weitere zehn Minuten und mein Motor hat wieder Energie. Ich will das hier schaffen und so wische ich alle negativen Gedanken aus meinem Kopf und fange wieder an, zu laufen.

Der Boost bringt mich ganz ordentlich den Berg hinauf. Oben finde ich ein paar Hütten. Ob es hier ein Taxi gibt, dass mich ins Tal bringen kann. Natürlich nicht. Klar, ich hätte mir sicherlich eins rufen lassen können. Bewohnt waren die Hütten ja. Aber ich war oben angekommen. Der harte Teil lag hinter mir, dachte ich mir so.

Und so nimm ich die Beine wieder in die Hand und wandere weiter zur Eremita de Nuestra Senora de Guadalupe. Der Weg ist relativ flach und ich komme gut voran. Von der Kirsche aus geht es in einer weiten Kurve langsam bergab. Der Weg führt zu einem Bergrücken und geht dann in Serpentinen den Berg hinunter.

Der Weg fordert mich dann doch noch immens. Er ist so uneben, dass ich nur noch kleine Schritte mache. Auch muss ich das Schuhwerk wechseln, da sich schon wieder weitere Blasen ankündigen. Hier gibt es dann auch Kochsalztablette vier, da meine Waden schon beim Gehen krampfen.

Immer weiter geht es runter. Die losen Steine sind extrem gefährlich. Und auch nach dem ersten Haus wird der Weg nicht besser. Ich kämpfe mich immer weiter. im Schatten einer Palme ruhe ich mich aus. Eine letzte Kochsalztablette folgt. Als ich loslaufe habe ich nur noch 150 Milliliter Wasser. Es sind noch etwas mehr als drei Kilometer. Aber die Gegend ist bekannt und in meinem Kopf übernimmt der Autopilot. Ich will nur noch zurück in mein Hotel.

Nach sechs Stunden bin ich am Ziel. Der Rundweg ist geschafft und ich bin es erst recht! Ich setze mich vor dem Hoteleingang auf eine Bank und öffne meine Nalgene-Flasche. Langsam rinnt mir mein letzter Rest Wasser durch den Hals. Aber noch nie hat mir pisswarme Plörre so gut geschmeckt.

Und natürlich habe ich schon einen Plan für den nächsten Tag: Einfach mal nichts tun!!!

Björn Eickhoff

Hey, ich bin der Björn. Outdoor, Survival, Hunde und Gear sind genau meine Themen. Neben dem Hundetrainer bin ich Autor und Fotograf.

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