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Am Lagerfeuer

Jetzt kommt das Kapitel 2 von meinem Roman „Die Bestie in mir“. Viel Spaß beim Lesen!

Das Holz knackte im Feuer, Funken stoben in die Nacht. Der Schein der Flammen tanzte über die kleine Lichtung und beleuchtete mein improvisiertes Lager: ein Ranger-Bett, das ich mir aus einem US-Army-Poncho und der Swagman Roll von Helikon-Tex hergerichtet hatte. Kein Regen in Sicht, warme Sommerluft – also kein Tarp. Heute Nacht wollte ich einfach so unter dem Sternenhimmel schlafen.

Fox saß mir gegenüber, wie der alte Mann aus meinem Traum. Er schüttelte nur den Kopf. Auch er konnte sich keinen Reim auf die Bedeutung machen. So schwiegen wir beide, jeder versunken in seine Gedanken, die Augen auf das Feuer gerichtet.

Doch meine Gedanken kreisten um die Bestie.

Sie hatte sich in den letzten Monaten selten gezeigt, aber ich spürte sie. Sie lauerte in mir – jederzeit bereit, hervorzubrechen, wenn ich schwach wurde.

Die letzten Monate hatten mich aufgerieben. Vollgestopft mit Terminen, Aufgaben, Verpflichtungen. Bertold und Marlies hatten mir alles hinterlassen – ihr ganzes Erbe, ihre Verantwortung, ihr Vermächtnis. Die von Trausnitz waren tot, ihre Linie erloschen. Und so fiel alles auf mich zurück. Ich wollte es nicht, und doch hatte ich keine Wahl. Gabriel, mein Bruder, war meine Rettung. Er übernahm vieles, was mich überforderte. Aber selbst mit seiner Hilfe blieb mein Kalender übervoll. So durchgetaktet, dass ich mich selbst kaum noch spürte.

Und genau darauf wartete es.

Das Ding in mir.

Es jubelte, wenn ich schwach war. Es kratzte an der Oberfläche, wollte hervorbrechen, wollte Blut sehen. Die Krallen ausfahren, Zähne ins Fleisch schlagen, zerreißen, zerfetzen, töten.

Ich kämpfte dagegen an – jeden Tag. Mut, Kraft, Entschlossenheit. Atemübungen, Ruhe, Achtsamkeit. Fox zeigte mir Techniken, die halfen. Denn mein Zorn war der Schlüssel. Wenn er mich übermannte, war die Bestie frei. Der Vollmond verstärkte es – doch er allein reichte nicht. Erst wenn Zorn und Mond zusammenkamen, hatte ich keine Chance.

Moon lag neben mir und kaute an einem Stock. Sie wich mir kaum noch von der Seite, außer wenn die Bestie zu nah war. Für andere war sie sichtbar geworden – fast immer. Die Energie dafür zapfte sie von mir ab, ohne dass ich es groß merkte.

Und dann war da Britta.

Sie spukte durch meinen Kopf, trieb mein Herz in die Höhe. Ich war hoffnungslos in sie verknallt – doch sie wies mich ab. Unsere wenigen Versuche, über Handy oder FaceTime zu reden, waren kläglich gescheitert. Immer wieder dieselbe kalte Schulter, dieselbe abweisende Hexe wie damals nach der Sache an der Kapelle. Wir hatten Sex gehabt, ja. Aber für sie war es bedeutungslos gewesen.

Für mich nicht.

Oft war es ihre Art, die meinen Zorn befeuerte. Doch konnte ich ihr das wirklich anlasten? Oder lag es an mir?

Wir hatten auf der Burg inzwischen ein Verlies bauen lassen – für den Fall, dass ich die Kontrolle verlor. Am Anfang war ich oft dort unten gelandet. Heute kaum noch. Aber der Stress, die Verpflichtungen, die Last der neuen Aufgabe – sie hatten mich an meine Grenzen gebracht. Deshalb diese Auszeit. Ein paar Nächte unter freiem Himmel. Wald. Wildnis. Meditation. Zurück zu mir selbst.

Jetzt brutzelte Fleisch über dem Feuer, während Moon über die Lichtung tollte. Ich sah ihr zu, kaute genüsslich auf dem heißen Fleisch herum und sog den Frieden dieses Abends in mich auf.

Fox aß ebenfalls, sein Blick folgte Moon, doch seine Gedanken waren woanders.

„Heute ist es friedlich, Mike“, sagte er schließlich. „Du bist entspannt. Das ist gut. Unter den Sternen zu schlafen – das ist heilsame Medizin für dich.“

„Ja“, murmelte ich. „Die letzten Monate waren voller böser Medizin.“

„All das soll dich vorbereiten. Auf deine neue Aufgabe. Auf den Weg, der vor dir liegt.“

Ich sah ihn nur an und schnalzte mit der Zunge.

„Du hast genug von meinen Sprüchen, was?“

„Hin und wieder nervst du. Aber… mir ist klar, worauf du hinauswillst. Trotzdem – dass so viele gute Menschen sterben mussten, das kann doch nicht die Vorsehung sein, oder?“

„Nein. Sicher nicht. Und auch nicht die Bestie in dir. Gerade da müssen wir eine Lösung finden.“

„Im Moment können wir nur managen. Wenn ich ausraste, ist es vorbei. Hast du etwas Neues von deinen Verwandten in den USA gehört?“

Fox schüttelte den Kopf. „Das braucht Zeit. Vieles wurde nur mündlich überliefert. Meine Mutter fragt herum, aber Antworten kommen nicht über Nacht.“

In diesem Moment durchschnitt ein langgezogenes Heulen die Stille. Ein Wolf.

Fox und ich fuhren hoch.

Ein Wolf hier? Unmöglich. Keine Sichtungen seit Jahren. Keine Spuren. Nichts.

Fox sog hörbar die Luft ein, sein Blick scharf auf mich gerichtet.

„Könnte das etwas anderes sein als ein gewöhnlicher Wolf?“

Mein Herzschlag beschleunigte sich. „Darauf warten wir seit Monaten. Vielleicht hat endlich einer meine Spur aufgenommen. Wenn wir ihn stellen, bekommen wir Antworten.“

„Nein“, sagte Fox leise. „Er ist zu weit weg. Und in der Dunkelheit sind wir im Nachteil. Lass ihn dich finden. Leg dich schlafen. Ich wache über dich.“

Dann verschwand er in der Dunkelheit.

Und ich lag lange wach, unfähig, Ruhe zu finden.

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