Ich saß am Küchentisch, die Tasse mit dem kalten Kaffee in der Hand. Der Morgen war grau, draußen hing noch Nebel zwischen den Bäumen.
Der Traum ließ mich nicht los. Ich spürte ihn noch unter der Haut – das Eis, den Nebel.
Und diese drei Runen, die in meinem Inneren glühten, als hätte man sie mit einer heißen Klinge eingebrannt.
Ich zog mein Rite-in-the-Rain-Notizbuch aus der Brusttasche der Jacke. Das Cover war zerkratzt, die Ecken vom Regen aufgequollen, doch die Seiten hielten.
Mit dem Bleistift fuhr ich über das raue Papier.
Zuerst eine senkrechte Linie – Isa.
Dann eine geschwungene Welle – Laguz.
Zum Schluss die zwei Bögen, die sich umarmten – Berkano.
Ich verband sie mit einem Kreis. Das Siegel der Ruhe.
Ein Moment lang glaubte ich, das Papier unter meinen Fingern kühle sich ab.
Feuchtigkeit zog aus der Luft, sammelte sich auf der Seite, als bilde sich dünnes Eis über der Zeichnung.
Ich blinzelte. Alles normal. Nur Bleistift auf Papier.
Ich klappte das Notizbuch zu und legte es auf den Tisch.
Draußen begann es zu regnen. Die Tropfen prasselten gegen das Fenster, wurden vom Wind zerfetzt.
In der Scheibe spiegelte sich mein Gesicht – und für einen Atemzug lang schwor ich, im Glas das gelb leuchtende Auge der Bestie zu sehen.
Dann war es wieder weg.
Ich nahm das Notizbuch, schob es in die Jackentasche und stand auf.
„Feuer, Wasser, Eis“, murmelte ich.
Ich wusste, dass ich bald wieder würde kämpfen müssen – draußen oder in mir selbst.
Ich hatte lange geschlafen. Fast 24 Stunden. Mein Körper schmerzte bei jeder Bewegung. Der Kampf mit dem Werwolf hatte seine Spuren hinterlassen.
Fox hatte mir erzählt, was sich nach meinem Zusammenbruch ereignet hatte. Der Wolf war fort und Alex kreuzte auf. Natürlich hatte er anfangs wieder gewütet. War richtig angepisst, dass die Situation so eskaliert war. Am Ende hatte er sich aber wieder beruhigt und als er sich wieder im Griff hatte, hat er Fox geholfen, mich zurück in die Burg zu bringen.
Nachdem ich aufgewacht war, habe ich mich lange mit Fox unterhalten. Ihm stand der Schock noch ins Gesicht geschrieben, wie er die zwei Bestie miteinander kämpfen gesehen hatte.
Wir sprachen von meinen Träumen, die in letzter Zeit so anders waren. Kaum noch ein Austausch mit Moon. Sie machte sich rar. War nicht da. Sie hatte sich in mir verkrochen. Ich hatte Angst, dass ich sie verloren hatte.
Daher ging ich trotz des Regens doch raus. Ich zog meinen Poncho über und stapfte in das kleine Wäldchen neben dem Haus. Ich hatte dort schon als ich in die Burg gezogen war, meinen Sitzplatz in der Natur gefunden. Dort setzte ich mich auf ein Stück alte Isomatte, damit ich keinen kalten Hintern bekam und beobachtete die Natur um mich herum.
Mein Blick öffnete sich, unfokussiert in die Ferne gerichtet, nahm ich doch jede Bewegung war und entspannte mich langsam. Und da sah ich die Geisterwölfin, wie sie sich vorsichtig an mich heranpirschte und sich zaghaft neben mich legte. Mein Hand streichelte vorsichtig ihr Fell. Tränen rannten über meine Wangen – ich hatte sie doch nicht verloren.
Und wie wir so in dem Regen saßen, ging mir die Zeit seit dem Kampf im Bunker durch den Kopf. Meine Veränderung und auch meine neuen Träume. Der Runenstein ging mir durch den Kopf. Er war wichtig. Das spürte ich. Ich hatte ihn schon mal gesehen. Aber wo?
Das brachte nichts. Ich musste anders an die Sache herangehen. Daher griff ich nach meinem Rite-in-The-Rain-Notebook und blätterte durch die Seiten. Der Name Wolfssohn war die einzige richtige Spur. Da musste ich dran und so erhob ich mich und trotte zurück zur Burg. Moon folgte mir.
Ich saß in der Bibliothek der Burg. Vor mir flackerte das Licht meines iPad Air, das die Wände in ein blasses Blau tauchte. Die Suchmaschine spuckte unzählige Treffer aus – Legenden, Wikingerseiten, halbseidene Esoterikforen.
Ich scrollte durch PDFs, alte Aufsätze, sogar einen Wikipedia-Eintrag über „Einar Wolfssohn (sog. Wolfssohn-Legende, 10. Jh.)“.
Die meisten Quellen endeten mit dem Satz: „Authentizität umstritten“
Mein Kopf schmerzte und meine Augen brannten vom vielen Lesen auf dem Bildschirm des iPads. Daher stand ich auf, lockerte meine verspannten Schultermuskeln und ging ein paar Schritt.
Plötzlich kam mir eine Notiz – eine Fußnote – in den Sinn, die ich gerade nur so am Rande wahrgenommen hatte. Schnell setzte ich mich wieder ans iPad und ging die letzten Aufrufe im Browser nochmal durch.
Da! Da war es. Ein Name und eine Seminararbeit. Ein kleiner Verweis in einer Fußnote:
„Vgl. C. Neumann, Seminararbeit: Mythische Tiergestalten im frühgermanischen Volksglauben, Universität Bonn, 2017.“
Ich hielt inne.
Neumann. Clara Neumann.
Ich gab den Namen in die Suchmaschine ein. Sekunden später erschien eine unscheinbare Seite: Regionalmuseum Nettersheim – Forschungsassistenz Clara Neumann, Abteilung Volkskunde.
Darunter ein Foto: junge Frau, schlicht, leicht ernst. Kein akademischer Glanz, aber kluger, wacher Blick.
Ich griff zum Handy und zögerte kurz. Dann wählte ich die Nummer.
Das Freizeichen summte zweimal, bevor jemand abhob.
„Neumann?“
„Guten Abend, Frau Neumann. Mein Name ist Michael Wegner. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.“
Ein Moment Stille, dann ein neutrales, aber wachsames: „Worum geht’s?“
„Ich bin auf Ihre Arbeit gestoßen. Über einen Mann namens Einar Wolfssohn.“
Das Schweigen auf der anderen Seite veränderte sich.
„Das ist… ungewöhnlich. Die meisten stolpern da nicht einfach drüber.“
„Ich recherchiere zu alten Überlieferungen. Mir ist aufgefallen, dass Ihre Arbeit dazu eine der wenigen ernstzunehmenden Quellen ist.“
Ein leises Lächeln klang durch die Leitung. „Ernstzunehmend? Das höre ich selten.“
Ich grinste. „Ich meine: nicht aus einem Esoterikforum.“
„Schon besser.“ Sie atmete hörbar aus. „Und was wollen Sie genau wissen?“
„Ich würde gern verstehen, wer dieser Wolfssohn war – oder ist. Ich habe… Dinge gehört. Träume gehabt.“
Ein weiterer Moment Stille. Dann sagte sie, leise:
„Träume? Das ist interessant. Von Einar Wolfssohn?
Ich hörte, wie Papier raschelte. Sie suchte offenbar etwas.
„Ich habe die Arbeit gerade nicht zur Hand“, sagte sie schließlich. „Aber ich habe noch meine Notizen. Wenn Sie wirklich interessiert sind… kommen Sie vorbei. Ich arbeite im Museum, Kellerabteilung. Keine Schaufenster, kein Eintritt.“
„Wann?“
„Morgen Nachmittag . Sagen wir 15 Uhr? Aber ich verspreche nichts – vielleicht verschwenden Sie Ihre Zeit oder ich meine.“
„Vielleicht“, sagte ich. „Aber das Risiko gehe ich ein.“
„Gut. Dann bis morgen, Herr Wegner.“
Ein leises Klicken. Verbindung beendet.
Ich lehnte sich zurück und starrte auf den Bildschirm, auf den Namen am unteren Rand der Fußnote:
C. Neumann.
In diesem klingelte es an der Haustür.
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