Kategorien
Fiction Lesbares News Publikationen Roman Schreiben Short-Story

Die Reise

Endlich geht es weiter mit den Moon-Chroniken. Mike erfährt mehr über seinen Fluch.

Bumm – Bumm – Bumm – Bumm.

Der monotone Schlag der Trommel trug mich hinüber auf die andere Seite. Doch diesmal war etwas anders.

Dunkelheit umfing mich.

„Moon?“

Keine Antwort. Sie war nicht da.

Unmöglich! Sie war immer bei mir. In mir. Mein Totem. Mein Krafttier. Sie konnte mich nicht einfach verlassen.

Ein Flügelschlag rauschte an mir vorbei. Krächzen. Raben kreisten um meinen Kopf, schlossen mich ein.

Was ging hier vor?

Panik ergriff mich – und im nächsten Moment wurde ich in die Höhe gerissen.

Die Schwärze wich einem Zwielicht. Unter mir breitete sich eine neblige, hügelige Landschaft aus. Wiesen, Wälder, dann Wasser, dann wieder Land.

Links von mir flog ein Rabe. Rechts der andere. Sie führten mich, zwangen mir die Richtung auf. Ich hatte keine Chance, auszubrechen.

Dann hörte ich es.

Rufe. Schreie. Heulen. Knurren. Metall schlug auf Metall.

Und ich sah sie.

Krieger, wild und gehetzt, mit Schilden, Schwertern, Messern und Äxten. Sie jagten etwas Unsichtbares. Tierfelle hingen von ihren Körpern – Wolf, Bär, Fuchs. Ihre Gesichter verzerrt zu Fratzen. Augen voller Hass und blinder Wut.

Wir ließen die Horde zurück. Doch vor uns – ihre Beute.

Wölfe. Sie rannten um ihr Leben.

In ihrer Mitte: Moon. Flankiert von zwei gewaltigen Tieren.

Ich wollte sie rufen, wollte schreien, dass ich da war.

Doch sie hörte mich nicht. Gefangen in der Panik ließ sie sich von den Wölfen leiten, so wie mich die Raben.

Der Weg führte auf einen Berg hinauf. Moon verschwand aus meinem Blick.

Dort oben stand er: ein Mann, gehüllt in einen schwarzen Umhang. Weißes Haar flatterte im Wind unter der Kapuze. Sein einziges Auge brannte sich in meinen Blick.

Dann stürzte Dunkelheit auf mich herab.

Ich sah noch, wie die Raben auf seinen Schultern landeten. Zwei Wölfe legten sich zu seinen Füßen.

Und ich fiel – tiefer in die Schwärze.

Ich stand am Ufer eines Sees. Nebel lag schwer über dem Wasser, die Berge links und rechts verloren sich im Dunst.

Ein Licht glomm am Berghang.

Da stieß eine Wolfsnase meine Hand an.

„Moon?“

Sie war da. Hatte überlebt. Drängte mich mit ihrer Schnauze in Richtung des Lichts.

Gemeinsam quälten wir uns den Hang hinauf, bis wir vor einer windschiefen Hütte standen.

Vorsichtig öffnete ich die Tür.

Feuerlicht und Wärme schlugen mir entgegen. Vor den Flammen saß ein alter Mann. Mit einer Geste lud er mich ein, Platz zu nehmen.

Seine bernsteinfarbenen Augen funkelten – alt, wissend, listig, grausam. Sein Blick maß mich, forschte nach. Dann nickte er.

In der Ferne hörte ich wieder die Trommel. Leise. Weit weg.

Er legte Holz nach. Das Feuer wurde heller. Auf seiner Haut blitzten Symbole auf – Zeichen, Tätowierungen, uralt und fremd.

„Du bist der Letzte“, sagte er. „Und ich bin der Erste.“

Sein Blick brannte sich in mich. Schweigend, prüfend, endlos.

Dann sprang er auf – und veränderte sich.

Die Haut schwoll zu Muskelbergen, blauschwarz und sehnig. Weißes Fell bedeckte seinen Rücken. Hände verwandelten sich in Krallen, aus dem Maul ragten Reißzähne. Seine Augen glühten jetzt gleißend gelb.

Er überragte mich um fast einen halben Meter. Eine Bestie. Eine wie Kathrin. Wie der SEK-Mann. Wie ich.

Und doch verspürte ich keine Angst. Ich betrachtete ihn wie ein Forscher eine neue Spezies.

Dann verformte sich sein Körper erneut – ein Wolf mit grauem Fell stand vor mir, schnupperte, prüfte.

Und wieder war er der alte Mann. Er lächelte.

„Das Band ist geknüpft. Komm so oft du kannst zu mir.“

Mit einem Schlag war ich zurück. Wach, am Lagerfeuer im Wald.

Fox hatte aufgehört zu trommeln und sah mich erwartungsvoll an.

Jetzt als Taschenbuch & Kindle eBook.