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Ein Mord im Wald

Im vierten Kapitel werden Fox und Mike zu einem Mord im Wald gerufen.

Das Brummen meines Smartphones riss mich aus dem Schlaf.

Alex ruft an, stand auf dem Display.

Nicht jetzt! Ich drückte den Anruf weg. Ein Name pochte noch in meinem Kopf, ein Echo des Traums der letzten Nacht. Lieber schnell notieren, bevor er mir entglitt

Ich griff nach meinem Rite-in-The-Rain-Notizbuch und meinen kleinen Olight Open Mini aus meinem Rucksack und schrieb schnell den Namen nieder:

Wolfssohn.

Das Handy vibrierte erneut. Wieder Alex. Seufzend nahm ich ab.

„Warst du in der Nacht auf der Jagd?“ fuhr er mich ohne Begrüßung an.

Seine Stimme klang hart, angespannt. Da stimmte etwas nicht.

„Nein. Ich hab im Wald geschlafen.“

„Dann solltest du dir besser etwas ansehen. Am Teufelsloch. Sofort!“

Noch ehe ich etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt. Er war angepisst, das spürte ich deutlich.

Ich sah auf. Fox stand schon bereit, als hätte er jedes Wort gehört. Gemeinsam gingen wir zur Burg zurück. Fox schwang sich hinter das Steuer des neuen Land Rover Defender, den er sich als Ersatz für seinen alten Wagen gegönnt hatte. Ohne viele Worte fuhren wir los – wieder einmal zum Teufelsloch.

Schon von weitem erkannte ich das blaue Flackern der Einsatzfahrzeuge. Streifenwagen, zivile PKW, alle mit eingeschaltetem Blaulicht. Die Szene wirkte bedrohlich.

Wir parkten an der Stelle, die ich in- und auswendig kannte. Hier hatte ich Moon kennengelernt, Daniel vor dem Tod bewahrt – und zu viele tote Kinder gesehen.

An der Höhle selbst herrschte Chaos. Polizisten sicherten das Gelände, Befehle hallten über den Platz. Alex stand mittendrin, ganz in seinem Element. Seit Brigittes Verrat hatte er Karriere gemacht. Keine Vorgesetzte mehr, die ihn bremste. Hier draußen war er der Chef.

Unsere Blicke trafen sich. Ein kurzes Nicken, dann winkte er uns zu sich.

„Wo warst du?“ fragte er ohne Umschweife.

„Im Wald.“

„Auf der Jagd?“

„Nein. Am Lagerfeuer mit Fox.“

Er musterte Fox, der beschwichtigend die Hände hob.

„Mike hat die ganze Nacht geschlafen. Ich habe Wache gehalten. Er hat sich nicht verwandelt.“

„Dein Bemuttern ist wirklich rührend“, warf ich trocken ein.

Alex brummte: „Aber es rettet dir gerade den Arsch.“

„Nicht jeder Riss in der Gegend geht auf mich. Was ist hier passiert?“

Seine Miene wurde ernst. „Ein paar Bushcrafter haben letzte Nacht panisch den Notruf gewählt. Wolfsgeheul, sagten sie. Dann seien sie von einem Rudel umzingelt und angegriffen worden. Das Camp ist verwüstet, einer der Jungs fehlt. Spuren gibt es reichlich – aber keine Leiche.“

„Zeig uns die Stelle.“

Das Lager lag in Trümmern. Zerrissene Tarps hingen zwischen umgestürzten Bäumen, Schlafsäcke waren zerfetzt, Ausrüstung lag verstreut wie nach einem Sturm. In der Mitte glimmten die Reste eines Feuers. Der Geruch von verbranntem Fleisch hing noch in der Luft.

Fox und ich schauten uns die Spuren an. Tiefe Abdrücke, Kratzspuren, Blut. Wir folgten jeder Fährte, verwarfen sie, wenn sie nicht zum Vermissten passte.

Dann pfiff Fox leise. Ich trat zu ihm – und mein Magen zog sich zusammen. Eine Pfote. Groß. Viel zu groß für einen gewöhnlichen Wolf.

Neben den Tatzenabdrücken verliefen die Spuren schwerer Wanderstiefel. Jemand war geflohen – oder verfolgt worden.

Alex stieß zu uns. Sein Blick hing an mir, prüfend, misstrauisch. Fox schüttelte stumm den Kopf, als wolle er bezeugen, dass ich unschuldig war. Alex nickte schließlich knapp, dann ging er. 

„Kümmert euch darum. Wenn ihr das nicht klärt, ist eure Freundschaft bald am Ende.“

„Ich weiß.“ Ich biss mir auf die Lippe. „Aber was soll ich ihm sagen? Seit der Bestie vertraut er mir nicht mehr.“

Fox legte mir eine Hand auf die Schulter. „Du bist trotzdem noch derselbe Mensch. Alex ist dein Freund. Dein Waffenbruder. Das wiegt mehr als alles andere.“

Ich atmete tief durch. „Wir sollten ihn mal in die Kneipe im Dorf einladen. Gabriel, Boris, Dieter, Sophie – die ganze alte Truppe. Vielleicht kommen wir so wieder zusammen.“

Fox nickte. „Ein Abend unter Freunden. Kein formelles Treffen in der Burg. Genau das braucht ihr.“

„Später. Erst folgen wir der Spur.“

Die Fährte führte tiefer in den Wald. Blutstropfen glänzten im Laub. Etwa fünfhundert Meter weiter fanden wir die Stelle, an der der Bushcrafter gefallen war.

Viel Blut. Zu viel. Kein Mensch hätte das überleben können. Aber keine Leiche. Nur Schleifspuren, die sich weiterzogen, wie eine grausame Signatur.

Die Schleifspur endete am Ufer des Beckens. Ein feiner Nebel stieg vom Wasser auf, als würde der Steinbruch atmen. Das Wasser schimmerte unnatürlich, wie flüssiges Glas, von innen heraus türkis leuchtend.

Dann bewegte sich etwas.

Ein Mann stand am Rand des Beckens. Nackt. Seine Haut war bleich wie Mondlicht, sein Körper von Narben übersät. Tropfen perlten über seine Haut, als sei er eben erst dem Wasser entstiegen.

Sein Blick bohrte sich in mich, unbeweglich, unergründlich. Ich spürte, wie mein Herzschlag schneller wurde, während mir ein eisiger Schauer den Rücken hinunterlief.

„Ich habe auf dich gewartet“, sagte er – und seine Stimme hallte im Steinbruch, als käme sie aus vielen Kehlen zugleich.

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