Der Kleinbus hielt auf dem gekiesten Platz vor dem Haus des Bundes. Mehrere Autos standen bereits dort. Einige kannte ich, andere nicht. Als wir ausstiegen, öffnete sich die Haustür und Gabriel, Alex, Boris und Dieter kamen uns entgegen. Wir stellten uns vor, aber ein herzliches Wiedersehen war das nicht. Jeder spürte den Ernst der Lage. Eine von uns war vermutlich entführt worden – von einem Vampir und seinen Schergen. Für Freundlichkeiten war kein Platz.
Man führte uns in ein großes Arbeitszimmer. Die edle Einrichtung nahm ich zwar wahr, doch sie prallte an mir ab. In meinem Kopf war nur Platz für Sophie. Für den Moment im dunklen Flur der Dorfkneipe. Ihre Hände, ihre Lippen, ihre fordernde Wildheit. Das nervös-nerdige Mädchen mit den Drohnen am Bunker. Die kühle, sachliche Frau im Hosenanzug. Alles mischte sich zu einem Knoten in meiner Brust.
Ich wollte Antworten. Sofort.
„Was gibt es Neues?“
Stille.
„Nichts?“
Wieder dieses Schweigen.
„Nicht ganz“, murmelte Alex.
„Dann raus damit!“
Er wich meinem Blick aus. „Gabriel hat eine Nachricht bekommen. Einen Link. Die Seite ist momentan offline. Sobald du bereit bist, sollen wir antworten. Dann wird sie aktiviert. Jemand möchte mit dir sprechen.“
„Dann los! Eine von uns ist in deren Gewalt.“
„Stopp.“
Nicht laut – aber unmissverständlich.
Radomir. Sein Blick traf mich wie ein Schlag. Das war die Stimme eines Mannes, der seit über hundert Jahren ein Rudel führt. Ich wollte kontern, locker, frech, doch sein Blick bohrte sich in mich hinein. Ein stiller Dominanzkampf – und ich senkte den Blick. Nickte.
Alle verstanden und verließen den Raum.
Radomir trat vor mich.
„Mike, du bist noch nicht bereit, dich mit Sareth zu messen. Du warst Vassili unterlegen und hast gerade eben meine Rudelführerschaft akzeptiert – ohne dass wir kämpfen mussten. Du gehörst jetzt zum Rudel, und das Rudel schützt dich. Aber du rennst nicht blind in einen Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Und den ich dir nicht erlaube.“
Ich öffnete den Mund – und verstummte wieder unter seinem Blick.
„Wenn du die Seite aktivierst, wird Sareth versuchen, dich an sich zu ketten. Er ist ein Meister der Manipulation. Er wird dir zeigen, was er Sophie angetan hat. Und was er ihr noch antun wird. Das musst du wissen.“
Seine Stimme wurde tiefer.
„Wir zwei sind jetzt verbunden. Das Rudel trägt dich – solange du dich an die Regeln hältst. Ist das klar?“
Ich nickte.
„Gut. Wen zählst du zu deinem inneren Kreis?“
„Fox, Alex, Boris und Gabriel.“
„Hol sie. Sie sollten dabei sein.“
Der Bildschirm flackerte, als würde etwas im Hintergrund atmen. Alex hatte die Nachricht gesendet, und kurz darauf erwachte die Webseite zum Leben. Ein Videofeed startete.
Dann erschien er.
Sareth.
Makellos. Der schwarze Anzug wirkte wie gewebter Schatten. Sein Gesicht – reine Eleganz über etwas Abgründigem.
Er lächelte, als hätte er den ersten Zug in einem Schachspiel ausgeführt, dessen Regeln ich noch nicht kannte.
„Michael.“
Seine Stimme war weich. Zu weich. Samt über Stahl.
Ich wollte etwas sagen. Dann hörte ich Metall.
Ein Klirren.
Ein Ziehen.
Ein schmerzerfüllter Atemzug.
Sareth trat zur Seite. Langsam. Theatralisch.
Und dann sah ich sie.
Sophie.
Angekettet an ein stählernes Gestell.
Arme über den Kopf gespannt, Schultern zitternd.
Nackt – nicht erotisch, sondern brutal entblößt.
Schwach.
Schutzlos.
Ihre Haut war blass vor Kälte. Dunkle Striemen zogen sich über den Rücken. An den Rippen Abdrücke von Griffen, die zu fest waren. An der Hüfte eine tiefe Schürfwunde, von eingetrocknetem Blut verkrustet.
Sie hob den Kopf, als sie meine Stimme hörte. Langsam.
Jeder Millimeter tat weh.
Unsere Blicke trafen sich.
Nicht gebrochen.
Nur verletzt.
Unendlich müde.
„M… Mike…“
Kaum hörbar – und doch traf es mich wie ein Vorschlaghammer.
Sareth beobachtete uns mit einer fast zärtlichen Faszination.
„Sie ist erstaunlich widerstandsfähig“, sagte er. „Ich genieße das.“
Ich presste die Zähne zusammen.
„Lass sie los.“
Er lächelte.
Kultiviert. Abscheulich.
„Ich kann ihr alles nehmen, Michael. Aber auch alles geben.“
Er strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht, als wäre sie eine Skulptur.
„Körper.
Willen.
Erinnerungen.“
Sophie atmete schneller.
Angst – aber sie kämpfte dagegen an.
Sie wollte mir zeigen, dass sie nicht aufgab.
„Fass sie nicht an“, knurrte ich.
Sareth wandte den Kopf kaum merklich.
Genau so, dass ich sah, wie sehr er es genoss.
„Ich berühre sie bereits.“
Seine Hand glitt über ihre Schulter, dann langsam über ihre entblößten Brüste.
Kein Griff.
Kein Druck.
Nur diese kalte, kontrollierte Präsenz.
Sophie zuckte.
Ein Zittern durchlief sie.
Sie presste die Augen zu – wollte Haltung bewahren.
„Sei still“, flüsterte sie.
Zu mir.
Das brannte schlimmer als alles andere.
Sareth wandte sich wieder zur Kamera.
Seine Augen glänzten belustigt.
„Sie kämpft nicht gegen mich. Sie kämpft gegen die Vorstellung, dir Angst zu machen. Das ist Liebe, Michael. Ein wunderschöner Fehler.“
Es fühlte sich an wie ein Messer in meinem Bauch.
„Was willst du?“ presste ich heraus.
Sein Lächeln veränderte sich.
Jetzt war das Raubtier zu sehen.
„Dich.“
Ein einziges Wort.
Eisig.
„Deinen Wolf. Dein Blut. Deine Macht. Dein Wissen.“
Er hob Sophie am Kinn hoch.
Sie versuchte zurückzuweichen, aber die Ketten hielten sie fest.
„Oder ich nehme sie. Schicht für Schicht. Bis nichts bleibt.“
Ihr Blick suchte meinen.
Flehend und entschlossen zugleich.
Der Wolf in mir rammte gegen meinen Brustkorb.
Ich wollte den Bildschirm zerreißen.
Radomirs Hand landete schwer auf meiner Schulter.
„Nicht.“
Sareth reagierte.
Langsam.
Er lächelte schief.
„Höre ich da eine vertraute Stimme? Radomir… bist du das? Zeig dich!“
Radomir trat ins Bild.
Sareth seufzte übertrieben und lächelte.
„Mein alter Freund. Wie schön, dich zu sehen.“
Er drehte sich zur Seite.
„Meine Liebe… sieh nur, wer uns besucht.“
Eine Frau trat ins Bild. Groß, schlank, schwarzer Hosenanzug. Langes schwarzes Haar, blasses Gesicht, rote Lippen. Die Zunge glitt über ihre spitzen Eckzähne.
„Radomir, mein Herz. Komm zu mir. Bring deinen Freund mit. Wir wären wieder vereint… in Lust und Schmerz.“
Radomirs Kiefer mahlten hörbar.
„Helena“, zischte er.
Sareth lächelte wie ein Gastgeber eines Empfangs.
„Drei Tage“, sagte er höflich.
Dann beugte er sich zu Sophie.
Sie versuchte wegzudrehen.
Er hielt ihren Kopf fest.
„Sag ihm Lebewohl.“
Sophie rang um Fassung.
Tränen stiegen auf – sie ließ sie nicht fallen.
„Mike…
Lauf nicht in seine Falle…“
Sareth legte ihr einen Finger auf die Lippen.
Besitzergreifend.
„Schhh.“
Dann wandte er den Blick zur Kamera.
„Je früher du kommst, desto mehr lasse ich von ihr übrig.“
Er klickte etwas.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Stille.