Doch irgendwann übermannte mich der Schlaf – und ich träumte.
Ich stand wieder am Ufer des Sees. Nebel kroch über die Wasserfläche, umschlang meine Beine und hüllte mich ein. Ein Geräusch hinter mir ließ mich zusammenzucken. Langsam drehte ich mich um.
Der alte Mann stand dort, eine Fackel in der Hand. Sein Blick war unergründlich, als er mir wortlos bedeutete, ihm in die Dunkelheit zu folgen.
Wir schritten durch einen finsteren Wald. Das Licht der Fackel reichte kaum weiter als ein paar Schritte, ein schwacher Kreis, der mühsam gegen die Schwärze ankämpfte. Schatten huschten zwischen den Stämmen, und das Knacken des Unterholzes unter unseren Füßen hallte unheilvoll wider.
Dann traten wir auf eine Lichtung. Vor uns ragte ein einzelner Stein auf, roh und alt. Im Schein der Fackel erkannte ich Kerben in seiner Oberfläche. Ich trat näher – es waren Runen, geheimnisvoll und uralt.
Plötzlich stampfte der alte Mann mit dem Fuß auf den Boden. Ich wandte mich ihm zu – und er begann mit krächzender Stimme Verse zu rezitieren.
Anfangs verstand ich nichts, doch die Worte sickerten in meinen Geist, als wären sie längst in mir verankert.
„Krieger war ich, unter vielen,
doch die Götter sahen nicht auf mich.
Da kam der Durst des Dunklen,
und mein Blut wurde sein Mahl.
Nicht tot, nicht lebend stand ich da,
verflucht im Schatten der Nacht.
Im Zorn des Berserkers brach es hervor,
die Bestie, die nun in mir wacht.
Aus Fleisch geboren, durch Blut geweiht,
Wolfsohn bin ich, frei und wild.
Gebissen vom eigenen Schöpfer,
vom Vampir selbst erweckt – das bin ich.
Hört mein Heulen im Mondlicht,
fühlt mein Eisen, wenn es bricht.
Ich bin Einar, Wolfssohn genannt,
der Erste, der Dunkelheit trägt.“
Die Stimme des Alten verklang. Nur der Wind säuselte durch die Bäume. Ein eisiger Schauer kroch mir den Rücken hinab, als hätte die Nacht selbst gelauscht.
„Was soll das bedeuten?“, flüsterte ich.
Der Alte hob den Blick, ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Es bedeutet, dass die Bestie nicht schläft“, raunte er. „Sie wartet. In dir – wie einst in ihm.“
Langsam wich die Finsternis einem trüben Licht. Hinter dem Runenstein erhob sich ein Felsmassiv, steil und gewaltig.
Ich kannte diesen Ort. Irgendwann, irgendwo war ich schon einmal hier gewesen – ob in einem anderen Traum oder in einer Erinnerung, konnte ich nicht sagen.
Doch kaum hatte mich das Gefühl des Erkennens erfasst, riss mich die Dunkelheit erneut fort. Der Schlaf schloss sich über mir, diesmal traumlos – bis zum Morgen.
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