Der Weg nach Nettersheim fühlte sich kürzer an, als er eigentlich war. Vielleicht, weil meine Gedanken in einer Endlosschleife liefen: das Gefängnis, die Träume, Sophies seltsames Verhalten… und die Reaktionen meines Vaters.
Auch Fox und Alex schwiegen. Kein unangenehmes Schweigen—eher ein gemeinsames Atemholen vor dem nächsten Schritt.
Clara Neumann.
Ich hatte sie online gefunden und ein Treffen vereinbart. Eine Expertin für ein altes Lied über Wolfssohn, das inzwischen jede meiner Nächte heimsuchte.
Doch ich hatte auch andere Informationen über sie entdeckt—Dinge, die mir vielleicht helfen konnten. Die Nervosität wuchs mit jedem Kilometer, doch ich wollte meinen Begleitern nicht zeigen, wie sehr mich die letzten Tage zerrissen hatten. Also starrte ich aus dem Fenster und tat so, als würde ich nur die vorbeiziehende Landschaft bewundern.
Die Sonne verschwand hinter einer schweren Wolkendecke, als wir die Eifel erreichten. Feiner Niesel legte sich wie ein Schleier über die Windschutzscheibe, der Scheibenwischer quietschte monoton dagegen an.
„Also“, murmelte Alex schließlich, „wir fahren zu einer Frau, die du im Internet gefunden hast. Wegen einem Typen, der vielleicht vor tausend Jahren gelebt hat.“
„So ungefähr“, meinte ich, ohne mich umzudrehen.
Alex lachte trocken. „Klingt wie ein Plan.“
Das Museum lag unscheinbar am Ortsrand – ein Siebzigerjahre-Klotz aus Beton und Glas. Keine Besucher. Keine Bewegung. Nur ein Schild:
Regionalmuseum Nettersheim – Forschung nicht öffentlich zugänglich.

Der erste Tropfen Blut verändert alles.
Mike merkt schnell, dass die Grenze zwischen Mensch und Bestie dünner ist, als er je geglaubt hat.
Gejagt von Vampiren, umgeben von alten Mächten und mit einer Dunkelheit in sich, die jederzeit ausbrechen kann.
Keine Heldenreise.
Kein Schwarz und Weiß.
Nur die Frage: Wie weit gehst du, um zu überleben?
Die Moon-Chroniken – eine düstere Reise durch eine Welt, in der Monster real sind.
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„Das soll hier sein?“, brummte Alex. „Sieht mehr nach Heimatverein als nach uralter Offenbarung aus.“
„Halt die Luft an“, murmelte ich. „Sie hat vielleicht etwas, was wir brauchen.“
„Oder sie ist ’ne Spinnerin“, knurrte er.
Fox drückte die Tür auf und grinste. „Ich mag Spinner. Spinner haben oft recht.“
Drinnen roch es nach kaltem Stein, altem Holz und Papier. Eine schmale Treppe führte in den Keller. Dort brannte Licht – zwischen Archivkisten, Regalen und einem chaotischen Schreibtisch.
„Kellerabteilung also“, flüsterte ich.
Fox grinste. „Natürlich. Wo sonst?“
Die Tür am Ende stand offen.
Eine Frau beugte sich über einen Tisch, Ärmel hochgekrempelt, die Haare zu einem ungezähmten Knoten gebunden. Sie schrieb etwas ohne aufzusehen.
„Clara Neumann?“ fragte ich.
„Kommt drauf an, wer fragt.“
Sie hob den Kopf. Ihre Stimme war ruhig, sachlich—keine Spur Esoterik, kein Weihrauchschwinger-Vibe.
„Ich bin Mike Wegner. Wir haben gestern telefoniert. Das sind Fox und Alex. Ich habe Fragen zu Wolfssohn.“
Ihr prüfender Blick glitt über uns. Dann blieb er an Fox hängen.
„Fox? Ungewöhnlicher Name.“
„John Silent Fox“, erwiderte er. „Halbblut aus Amerika. Nicht weiß, nicht rot.“
Sie sah ihn lange an. Und Fox sah zurück. Irgendwas lief da zwischen ihren Blicken – ein Erkennen, ein Zucken unter der Oberfläche.
Bis Alex laut dazwischenfuhr:
„Wird das hier heute noch was? Ich dachte, wir wollten was über Mikes Traumtypen erfahren.“
Fox und Clara zuckten fast synchron zusammen. Clara räusperte sich, schob ihre Brille zurecht und schenkte mir dann ihre volle Aufmerksamkeit.
„Sie träumen von Wolfssohn? Sind Sie sicher?“
„Ja. Zumindest… fühlt es sich so an.“
„Erzählen Sie.“
Und ich erzählte. Vom Lied. Den Runen. Dem Schildwall. Dem alten Mann am See. Vom Feuer im Herzen und der Kälte im Geist.
Clara hörte zu, machte sich wenige, aber präzise Notizen in einem abgegriffenen Moleskine.
Sie dachte lange nach, die Stirn in Falten gelegt. Dann zog sie einen Aktenordner hervor und legte Kopien alter Manuskripte aus.
Während Alex unruhig durch den Raum tigerte, murmelte er: „Runen, Mythen, Träume – alles Zeitverschwendung.“
Fox gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
„Aua!“, fauchte Alex. „Was soll das?“
„Hab Vertrauen.“
Alex hob schon die Faust, da klatschte Clara scharf in die Hände.
„Kinder. Entweder ihr benehmt euch oder ich schmeiß euch raus. Wenn ihr brav seid, bekommt jeder einen Lolli.“
Beide verstummten sofort.
Clara blätterte weiter und deutete auf die Manuskripte.
„Ich bin während meines Studiums auf den Namen gestoßen. Nicht als direkte Quelle, aber ständig wiederkehrend: Eine Gestalt, die zwischen Mensch und Tier wandelt. Immer verknüpft mit Blut, Mond und… Opfer.“
Fox beugte sich über die Seiten. „Und Sie glauben, er war real?“
„Ich glaube an Belege. Und es gibt Hinweise auf einen historischen Einar Wolfssohn – ein Krieger, ein Abenteurer. Er und sein Bruder kämpften als Söldner. Beide sollen in Schlachten in Raserei verfallen sein.“
„Berserker“, sagte ich.
Clara nickte.
„Der Bruder fiel irgendwann. Danach verschwand Einar spurlos. Bis dieses Lied auftauchte.“
Sie legte den lateinischen Text vor mich und schob eine Übersetzung hinterher.
„Hört nun von Einar, dem Wolfssohn,
gezeugt im Zorn, geboren im Blut.
Ein Krieger war er, stark an Arm,
doch namenlos vor den Augen der Götter.
Da kam der Nachtfürst, der Bluttrinker,
und trank von Einars Leben.
Nicht tot lag er, nicht lebend stand er –
gefesselt im Bann des Dunkels.
Da brach der Grimm, da brach der Wahnsinn,
der Berserker brannte in seinem Herz.
Die Knochen zersangen, die Sehnen zerbarsten,
und der Wolf erhob sich aus Menschenhaut.
Heulen trägt er durch Sturm und Schlacht,
Fleisch zerreißend, Eisen brechend.
Nicht Mensch, nicht Vampir, nicht Tier allein –
doch alles zugleich in einer Gestalt.
So ruft sein Name in Nacht und Nebel,
so hallt sein Lied in Blut und Mond:
Einar, Wolfssohn, Erster der Bestien,
Fluch und Erbe der Dunkelheit.“
Als Alex den Teil mit dem „Nachtfürst“ hörte, verzog er das Gesicht.
„Klingt nach Vampiren. Gruselfilme. Jetzt fehlt nur noch Dracula.“
Clara lächelte gequält.
„Nordische Saga trifft osteuropäische Folklore – ein wissenschaftlicher Albtraum. Wegen dieser Recherchen endet mein Vertrag hier übrigens diesen Monat. Man hält meine Arbeit inzwischen für… unpassend.“
„Das tut mir leid“, sagte ich. Fox und Alex nickten betreten.
Da vibrierte mein Handy.
Gabriel.
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