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Der Ruf der Mutter

Nach den vielen geschichtlichen Nachweisen zu Wolfssohn und dem Nachtfürst wird Mike persönlicher und fragt Clara nach ihrer Passion.

Alex schaltete sich ein: „Nicht noch ein Thema, Mike. Es wird spät. Ich muss morgen früh ins Präsidium und müsste heute Abend noch die Unterlagen vorbereiten. Mir wäre lieber, wir brechen langsam auf.“

Fox kam mir zuvor. „Kann ich verstehen. Wir wollen Dir den Abend nicht versauen. Fahr du schon. Mike und ich nehmen uns ein Hotel und fahren morgen mit dem Zug zurück zur Burg.“

Ich nickte. Guter Plan. „Wir holen nur schnell unsere Sachen aus deinem Auto, dann kannst du los.“

Wir entschuldigten uns bei Frau Neumann und folgten Alex nach draußen. Fox und ich hatten uns mittlerweile angewöhnt, immer ein erweitertes EDC in einem Rucksack oder Sling dabeizuhaben. Man wusste nie, was passieren würde.

Ich zog meinen MOAB-6-Sling von 5.11 aus dem Kofferraum. Im Waffenfach lagen mein Tomahawk und mein Bastinelli-Messer. Die Addiction Axe war ein brutales Stück – einteilig M390, Micarta-Griffschalen verschraubt, ein stumpfer Spike und die halbmondförmige Hakenkralle im oberen Bereich, inspiriert von Winkler. Perfekt, um Wild aufzubrechen… oder anderes. Das Messer, ein SIG Sauer M3, basierte auf Bastinellis RED, nur ergonomischer, mit griffigen FRN-Schalen.

Fox war wie immer traditionell unterwegs. Leder-Messenger-Bag, selbstgebauter Lederholster für einen seiner Colts, zwei Reservetrommeln. Zusätzlich unsere üblichen Survival-Kleinigkeiten – falls es wieder heikel wurde.

Als wir alles hatten, verabschiedeten wir uns von Alex. Er brauste in die Dämmerung davon.

Zurück in Clara Neumanns Büro wartete sie schon. „Ich habe eine Unterkunft für Sie gefunden“, sagte sie und legte das Telefon weg. „Ein Freund von mir besitzt einen alten Hof, den er zu einer Auffangstation für Tiere umgebaut hat. Hauptsächlich Hunde und Nutzvieh… aber er hat auch ein kleines Wolfsgehege.“ Sie lächelte. „Ich wohne dort im Gästezimmer. Und er hat noch zwei freie Zimmer. Kostenlos. Es gibt allerdings einen kleinen Haken: Er ist – wie Sie – von Wolfssohn fasziniert. Vielleicht können Sie so Ihr Wissen vertiefen.“

Fox und ich tauschten einen Blick. Klang… spannend. Und ein bisschen schräg.

„Ich fahre Sie“, bot Clara an. „Dann können wir unterwegs über meine E-Books reden.“

Kurze Zeit später standen wir wieder auf dem Parkplatz und zwängten uns in den Mini Clubman. Fox faltete seine langen Beine irgendwie auf die Rückbank. Ich schob den Beifahrersitz nach vorne, damit er atmen konnte.

Clara startete den Motor – und schoss vom Parkplatz. Splitter spritzten unter den Reifen weg. In den Kurven drückte es uns aneinander, der Mini klebte wie ein Gokart auf der Straße.

„So, was wollen Sie wissen?“, trällerte Clara fröhlich, während Fox und ich uns krampfhaft festhielten.

„Sie wissen schon, dass es hier Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt“, kam es gepresst von hinten.

„Ach, das sind doch nur Richtwerte.“

„Wäre Alex hier, wäre Ihr Lappen schon weg.“

„Dacht ich’s mir! Polizist. Ich habe den Holster unter der Jacke gesehen.“ Sie grinste in den Rückspiegel. „Und nein, ich habe keine Angst, zwei völlig Fremde mitzunehmen. Gerade sehen Sie eher ängstlich aus.“

Ich hustete. „Äh… Ihre Bücher?“

„Meine Mum war so eine Kräuterhexe“, begann Clara. „Spätsechzigerin, Hippie, Esoterik bis zum Anschlag. Meditation mit und ohne LSD, Pilze für Visionen, der ganze Kram. Wir lebten am Kölner Stadtrand, direkt am Wald. Sie hat mich schon als Kind in die Pflanzenkunde eingeführt. Und in die magische Seite der Runen.“

Sie legte in einer Kurve den Kopf leicht schief, als würde sie die Erinnerungen riechen.

„Nach dem Abi habe ich das wissenschaftlich aufgegriffen. Aber Wissenschaft ist… nun ja, nüchtern. Man kann Runen nicht verstehen, wenn man sie nicht auch fühlt. Also habe ich später wieder auf das Wissen meiner Mutter zurückgegriffen und alles ausprobiert, was sie mir beigebracht hat. Experimentelle Archäologie, wenn man so will.“

Sie seufzte. „Meine Chefs fanden es weniger witzig, dass neben meinen akademischen Arbeiten auch meine… alternativen Veröffentlichungen bei Google auftauchten. Als ich neulich ein Buch über Talismane veröffentlichte und wie man sie mit positiver Kraft füllt, war das Maß voll. Vertrag nicht verlängert. Mein Freund – zu dem wir gerade fahren – hat mir Arbeit angeboten. Aber… er ist extrem auf Wolfssohn fixiert. Das geht mir manchmal auf den Keks.“

Sie sah mich an. „Warum interessiert Sie das?“

Ich erzählte ihr von dem Traum. Von Einar. Von den Eiszeichen. „Ich möchte einen Talisman… ein Medaillon, das diese Runen trägt. Und Kraft.“

„Warum?“

Ich zögerte. „Das ist… delikat. Und Sie würden es mir vermutlich nicht glauben.“

„Wenn ich Ihnen so etwas herstellen soll, muss ich wissen, worum es geht.“

Ich schwieg. Noch.

„Denken Sie in Ruhe drüber nach“, sagte sie schließlich. „Wir sind eh da. Da vorne rechts.“

Ich hob den Blick – und alles in mir zog sich zusammen.

Nichts deutete auf eine Tierauffangstation hin. Kein Schild. Kein Licht. Nur eine unscheinbare Einfahrt, die im Zwielicht zwischen Bäumen verschwand.

Doch meine Nackenhaare stellten sich auf.

Moon regte sich. Hart. Warnend.

Ich wechselte in die Geistersicht.

Rot-weiße Gestalten. Schemen, die sich zwischen den Bäumen bewegten. Kaum sichtbar, aber unterschwellig vertraut.

Ich hatte sowas schon gesehen. Im Steinbruch.

Der Werwolf.

Ich drehte mich zu Fox um. Sein Blick war messerscharf und angespannt.

Er sah genau dasselbe.

Wir fuhren geradewegs in ein Werwolfrevier hinein.

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