Wir saßen um den großen Holztisch in der Küche des Bauernhauses. Clara Neumann wirkte noch immer wie ein Schatten ihrer selbst. Vor ihr stand eine dampfende Kaffeetasse, mit einem großzügigen Schuss Hochprozentigem, aus der sie nur in kleinen Schlucken trank. Ganz langsam kehrte Farbe in ihre fahlen Wangen zurück.
Kein Wunder. Sie hatte gerade erlebt, wie ein Mann aus einem fahrenden Auto sprang. Wie ihr ein alter Navy Colt ins Gesicht gehalten wurde. Wie Männer sich vor ihren Augen in Wölfe verwandelten. Und wie sich jemand, den sie für menschlich hielt, als etwas vollkommen anderes entpuppte.
Ihr wissenschaftlicher Geist rebellierte. Das sah man ihr an.
Ich verstand das gut. Vor ein paar Monaten war ich selbst noch blind gewesen für all das. Ich hatte zwar geahnt, dass es mehr gibt als das Rational-Fassbare. Aber so ein tiefer Sturz in die Mythologie verändert das Bewusstsein. Und zwar nachhaltig.
Fox griff in seine Umhängetasche und holte eine kleine Dose hervor. In ihr lag ein getrocknetes Heilkraut. „Zerkauen Sie das und schlucken Sie es runter. Es beruhigt.“
Clara musterte ihn misstrauisch, nahm das Kraut aber trotzdem. Ihre Augen blieben an seinen hängen.
„Hätten Sie mich wirklich erschossen?“
Fox schwieg lange. Dann zuckte er mit den Schultern und legte eine Hand auf ihre.
„Ich hab’s nicht getan. Alles andere ist unwichtig. Quälen Sie sich nicht damit. Kauen Sie lieber.“
Sie nickte und folgte seinem Rat.
Magda, die Köchin, setzte jedem von uns eine große Schüssel dampfenden Eintopf vor. In der Mitte lag frisches Brot, in dicke Scheiben geschnitten, das Messer daneben noch krümelig.
„Esst“, sagte Radomir knapp. „Danach reden wir.“
Der Eintopf war deftig und voller Fleisch. Der Hunger nach dem Chaos draußen war größer, als ich erwartet hatte. Fox und ich bekamen sogar Nachschlag. Innerhalb von fünfzehn Minuten war die Küche erfüllt von Zufriedenheit und schwerem Atem. Selbst Clara sah jetzt fast wieder menschlich aus.
Radomir stellte Landbier auf den Tisch und eine Flasche klaren Schnaps. Wir prosteten uns zu – vorsichtig, wie Männer, die sich noch nicht sicher sind, ob sie am selben Feuer sitzen sollten.
„Darf ich Ihre Waffe sehen?“, fragte Radomir plötzlich und blickte zu Fox.
Fox zog eine Augenbraue hoch.
„Sie trauen mir nicht.“ meinte Radomir
„Wir standen uns vor einer halben Stunde noch als Feinde gegenüber“, sagte Fox ruhig. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was wir jetzt sind. Aber Freunde – das sind wir noch nicht. Und eine geladene Waffe gebe ich einem Fremden nicht in die Hand.“
Er nickte. „Gut erkannt.“
Clara gluckste zum ersten Mal. Ein leises, nervöses Lachen. Radomir grinste.
Ich beugte mich vor. „Wie wäre es, Radomir, wenn du einfach anfängst zu erzählen?“
Er sah mich lange an. „Das wird schmerzen. Und es ist keine schöne Geschichte.“
„Vielleicht verstehe ich dann endlich, was hier eigentlich passiert.“
Er goss zwei Schnäpse ein, schob mir einen zu. Wir stießen an, tranken. Erst dann begann er.
„Es ist etwa vierhundert Jahre her. Ich war ein Adliger in Rumänien. Kein mächtiger Fürst, eher ein kleiner Herr mit einer Burg in den Karpaten. Wir lebten ruhig. Meine Leute vertrauten mir, und ich liebte meine Frau Helena mehr als mein eigenes Leben.
Doch dann kamen die Vampire.
Sareth zog von Burg zu Burg und zwang die Adligen in die Knie. Er ließ sie leben, aber nur, um ihnen alles zu nehmen. Die Bevölkerung wurde zu seinem Vieh.
Als ich auf einer Auslandsreise war, traf er auf Helena. Er war sofort von ihr besessen.
Er umgarnte sie. Bann sie. Zog sie in die Finsternis. Machte sie zu einem seiner Ungeheuer.
Als ich zurückkam, empfing er mich in meiner eigenen Burg wie einen Bittsteller. Meine Frau saß an seiner Seite. Kalt. Bleich. Und doch hungrig. So hungrig.
Seine Vasallen packten mich. Ich sollte ein Geschenk für seine neue Prinzessin werden. Eine von vielen. Doch sie – sie blieb. Bis heute.
Ich riss mich los, tötete seine zwei Handlanger und stand Sareth und meiner Frau gegenüber. Ich wusste, dass ich verloren hatte. Also sprang ich aus dem Turmfenster in den Burggraben. Ich überlebte – gerade so – und floh in die Nacht.
Aber sie jagten mich. Fledermäuse über mir, Stimmen hinter mir. Ich rannte in den Wald… direkt in die Arme von Wolfssohn, der dort auf Sareth lauerte.
Es kam zum Kampf. Viele Vampire starben. Aber Sareth und Helena entkamen.“
Er stoppte. Seine Hände zitterten leicht. Das war kein Schauspiel.
„Wolfssohn stellte mich vor eine Wahl“, flüsterte er. „Ein kurzes Menschenleben… oder ein langes als Werwolf. Ich entschied mich für den Krieg.“
„Sind Werwölfe unsterblich?“, fragte ich.
Radomir schüttelte den Kopf.
„Nein. Nur Wolfssohn ist… anders. Sareth hat bei ihm etwas angerichtet, das ich bis heute nicht verstehe. Aber die, die er erweckt, leben sehr lange. Ich sterbe irgendwann. Und ich hoffe, davor Helena und Sareth zu töten.“
„Ist Wolfssohn hier?“
„Nein. Wir entzweiten uns kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die Welt wurde moderner, die Waffen der Menschen tödlicher. Einar – Wolfssohn – wollte frontal kämpfen, Nest um Nest auslöschen. Ich wollte im Verborgenen agieren. Unser Streit eskalierte. Wir kämpften um die Rudelführerschaft. Ich gewann… aber ich bin sicher, er hat mich gewinnen lassen. Damit er seinen eigenen Krieg führen konnte.“
Radomir sah in die Flammen des Küchenherds.
„Seit Jahrzehnten habe ich nichts von ihm gehört. Ich dachte, er sei tot. Aber als du dich verwandelt hast, Mike… hat es etwas im Äther verändert.“
Unsere Blicke trafen sich.
„Ich habe eine Verbindung“, sagte ich leise. „Ich träume von ihm.“
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