Ich sah Mike fallen.
Es zog mich zu ihm wie jedes Mal – dieser Impuls, ihn aufzufangen, ihm die Last von den Schultern zu nehmen. Aber das ist nicht mehr meine Aufgabe.
Ich bin nicht der Schutz, ich bin der Blick.
Diejenige, die bleibt, wenn niemand hinsieht.
Vampirhände griffen nach ihm.
Kalt. Mechanisch.
Sie legten ihm Ketten an, so schwer, als wollten sie sich selbst beweisen, wie mächtig sie sind. Ich folgte ihnen. Lautlos. Mühelos. Sie bemerkten mich nicht.
Sie redeten viel; Vampire reden gerne, wenn sie glauben gewonnen zu haben.
Wie gut ihr Plan aufgegangen sei.
Wie gebrochen Mike wirkte.
Wie Sareth zufrieden gewesen war.
Sophie ging voran, mit einem Ausdruck, den man bei Lebenden wohl Stolz nennen würde. Die anderen folgten dicht dahinter – nicht aus Loyalität, sondern aus diesem alten Reflex derer, die zu lange zu wenig eigene Willenskraft hatten.
Ich glitt zwischen ihnen hindurch.
Unbemerkt, wie ein Schatten, den man nicht einmal zuordnen kann.
Vampire sind stark, das will ich ihnen lassen.
Aber ihre Gedanken kreisen immer um dieselben Punkte, wie Tiere, die ihre Spuren nicht verlassen können. Blut. Macht. Hunger.
Und dieser Geruch, den lebende Wesen instinktiv vermeiden würden, wäre ich noch eines von ihnen.
Die Wendeltreppe senkte sich tief in den Fels. Der Gang dahinter vibrierte von Maschinen – ein fremder Klang in dieser alten, kalten Tiefe. Als sie Mike in einen Käfig schoben, wirkte es fast, als wäre das Metall für etwas anderes gebaut worden. Etwas Größeres. Oder etwas Älteres.
Sareth setzte sich davor.
Ruhe in jeder Bewegung.
Das gefährliche Maß an Geduld eines Wesens, das Zeit nicht mehr als Grenze kennt.
Mit einem knappen Gestus schickte er seine Lakaien fort. Auch Sophie.
Die Tür fiel zu, die Schritte verklangen.
Wir waren allein.
Er mit seinem Plan.
Mike mit seinem Atem.
Und ich mit dem Zwischenraum dazwischen.