Ich entschuldigte mich bei Clara Neumann und nahm den Anruf meines Bruders entgegen.
„Hallo, Gabe.“
„Hi, Mike. Wir haben Unterlagen zum Haus in Wuppertal gefunden. Und einen Schlüssel.“
„Klingt gut. Dann hole ich den morgen ab und fahre mit Fox hin.“
„Keine gute Idee. Denk an die Warnung. Besser: Sophie und ich fahren jetzt hin, sondieren die Lage und bleiben über Nacht im Hotel. Ich melde mich morgen.“
„Okay. Wir sind noch in Nettersheim beschäftigt. Bis später.“
Ich beendete das Gespräch, setzte Fox und Alex ins Bild und wandte mich wieder an Frau Neumann.
„Wo waren wir? Nachtfürst, Bluttrinker, Vampirmythos. Haben Sie weitere Hinweise gefunden?“
„Lange Zeit nicht. Es schien eine Sackgasse. Aber vor zwei Jahren sollte ich die Bibliothek eines verstorbenen Kurators prüfen. Dort fand ich etwas Besonderes.“
„Blutsaugende Vampire, die ihrem Nachtfürsten dienen?“ Alex’ Stimme triefte vor Ironie.
Clara ignorierte ihn. „Ich stieß auf Fragmente des Liber Obscura, ein karolingischer Exorzismus- und Dämonenkatalog aus dem 9. Jahrhundert. Ein Werk, das als fast vollständig verloren galt. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“
Wir folgten ihr durch den Flur in die Museumsbibliothek. Der ältere Herr am Eingang nickte uns nur kurz zu. Clara führte uns zu einem Glaskasten mit alten, vergilbten Manuskriptseiten.
„Sie brauchen keine Fotos. Ich kann Ihnen Kopien geben. Dies sind die Fragmente des Liber Obscura.“
Der Haupttext war lateinisch, am Rand hastige Notizen in verschiedenen Händen und Sprachen.
„Hier – De Noctis Princeps. Der Fürst der Nacht, der Nachtfürst. Der erste historische Beleg für ihn. Und es geht weiter.“
Alex fragte: „Das ist kein poetisches Bild, oder?“
„Für Mönche des 9. Jahrhunderts? Nein.“
Sie übersetzte:
„Der Nachtfürst, der Wanderer im Dunkel.
Er, dessen Gesicht nicht altert,
dessen Fleisch das Eisen nicht berührt.“
Sie zeigte auf eine zittrige Randnotiz:
„Mein Vater sah ihn. Und ich sah ihn ebenfalls.
Ein Mann wie ein Fels, unvergänglich.
Derselbe. Immer derselbe.“
Dann auf ein kleineres Fragment.
„Hier nennen sie ihn Saritus. Ein Name, der sich durch germanische, fränkische und rheinische Quellen zieht.“
Sie deutete auf eine zweite Variante:
„Sarath.“
Und schließlich auf das letzte Fragment. Eine einzelne Zeile:
„Sareth.“
„Er hat einen Namen“, sagte ich heiser.
Clara nickte. „Und er ist viel älter als Dracula oder Vlad. Eine Konstante der europäischen Geschichte. Seit über tausend Jahren unverändert beschrieben.“
„Puh, das ist beängstigend“, murmelte Alex.
„Gibt es Hinweise, dass er real war?“ fragte ich.
„Nur vereinzelt. Er taucht immer wieder in alten Schriftstücken und Briefen auf, aber nichts Handfestes. Und solche Themen waren der zweite Sargnagel für meinen Arbeitsvertrag.
Dracula verkauft sich zwar. Alles Übernatürliche sorgt jedoch dafür, dass Institutionen wie dieses Museum auf Distanz gehen.“
Ich nickte. Zeit für meinen zweiten Punkt.
„Ich vermute, Ihre E-Book-Veröffentlichungen kamen bei Ihren Chefs auch nicht gut an.“
Clara seufzte und nickte nur.
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