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Entführt

Es gibt schlechte Nachrichten. Einer vom Team ist verschwunden.

„Eure Handys drehen komplett durch“, meinte Radomir, als wir ins Haus traten. „Es scheint etwas passiert zu sein.“

Ich griff nach meinem Smartphone. Gabriel. Boris. Alex. Über zwanzig Anrufe. Auch Fox starrte fassungslos auf sein Display.

Das Symbol für neue Nachrichten blinkte. Ich öffnete die letzten Texte, überflog sie, suchte nach dem einen Hinweis, der alles erklären könnte.

„Fuck!“, entfuhr es Fox.

Ich brachte keinen Ton heraus.

Sophie war weg. Spurlos verschwunden.

Ich rief Alex an.

„Na endlich!“, fuhr er mich an. „Gehst du auch mal ran?“

„Was ist passiert?“

„Sophie ist verschwunden.“

„Das weiß ich inzwischen. Details!“

„Gabriel war heute früh beim Frühstück. Vorher klopfte er an ihre Tür – keine Reaktion. Er dachte, sie kommt direkt nach. Tat sie nicht. Nach dem Essen ging er wieder hoch. Keine Sophie. Boris und Dieter organisierten einen Zweitschlüssel und öffneten. Das Zimmer war leer. Keine Kampfspuren. Keine aufgebrochene Tür. Fenster von innen verriegelt. Ich hab mir die Hotelkameras geben lassen: Sie ist zu sehen. Laut Zeitstempel ging sie gestern Abend kurz nach dem Gespräch mit Gabriel. Eine dunkle Limousine wartete auf sie. Danach: nichts. Keine Spur.“

Mir wurde kalt.

„Hast du eine Nachricht von ihr bekommen?“ fragte er.

„Nein.“ Ich scrollte durch meine Texte. Nichts. „Fox und ich kommen sofort. Wenn wir den Zug nehmen, sind wir gegen Mittag in Wuppertal.“

„Und die Warnung?“

„Scheiß drauf. Wenn die Vampire sie haben, wollen sie über sie an mich ran. Genau dort wollen sie mich. Dann sollen sie mich auch kriegen.“

„Okay. Ich arbeite hier weiter. Vielleicht sind wir weiter, wenn ihr ankommt.“

Er legte auf.

Ich erklärte Fox, Clara und Radomir die Lage. Fox fluchte. Radomir sah mich lange an, seine Augen dunkel, prüfend.

Dann sagte er ruhig: „Ich rufe meinen inneren Kreis. Wir fahren euch nach Wuppertal. Ihr sollt nicht alleine gehen.“

„Puh. Ob das so schlau ist?“ murmelte Fox. „Dein letzter Werwolf, der uns beobachtet hat, hat eine ziemliche Sauerei hinterlassen. Alex ist heiß auf den.“

„Der ist kein Problem.“

„Ach ja? Warum?“

„Er hat sich nicht an meine Regeln gehalten.“

„Und?“

„Er wird nie wieder Ärger machen.“

Radomirs Blick war hart wie gefrorenes Eisen. In meinem Nacken zog sich etwas zusammen.

„Keine Verwandlungen außerhalb dieser Ländereien“, sagte er. „Kein Riss, kein Mord – außer auf meinen Befehl. Wer’s bricht, wird verbannt oder stirbt. Ein Rudelführer muss seine Regeln durchsetzen.“

Er verließ die Küche. Der Raum fiel in ein schweres Schweigen.

Radomir fuhr einen Kleinbus vor. Zwei Bänke, wenig Kofferraum, aber genug Platz für uns und die drei Werwölfe seines Kreises.

Es gab noch einen kurzen Eklat: Radomir wollte Clara nicht mitnehmen. „Sie gehört nicht in diese Welt“, meinte er. „Nicht nach Wuppertal.“

Clara hielt dagegen. Ruhig. Schlagfertig. Unnachgiebig. Am Ende musste er einsehen, dass sie nicht zu seinem Rudel gehörte – und ihm gegenüber keine Pflicht hatte. Fox grinste breit.

Ich rempelte ihn an. „Die Rothaut und die blonde Frau“, flüsterte ich.

Der Klaps auf meinen Hinterkopf war verdient. „Arschloch“, knurrte Fox.

Ich zwang mich zum Lachen – aber in mir kochte es. Sophie war weg. Und die Bestie scharrte nur millimeterweit unter meiner Haut. Die Eiszeichen hielten mich, ja. Aber sie dämpften nicht den Zorn.

Wenn ihr etwas passiert war, würde ich alles loslassen. Berserker. Bestie. Alles. Und wer dahintersteckte, würde es bereuen, überhaupt geboren worden zu sein.

Während der Fahrt saß ich neben Radomir. Seine Worte zu Vassili hingen mir im Kopf.

„Was ist mit dem Werwolf passiert, der mich beobachtet hat?“ fragte ich.

Radomir atmete schwer aus. „Meine Rolle als Führer ist komplex. Ich muss die Gemeinschaft zusammenhalten und sie beschützen. Früher war es einfach, wenn einer aus der Reihe tanzte. Aber in dieser modernen Welt? Zu viele Tote fallen auf. Zerrissene Menschen – das lässt sich nicht mehr verbergen. Die Vampire haben dasselbe Problem. Menschen sind gefährlicher geworden. Bewaffnet. Wachsam. Unberechenbar.“

Er fuhr fort: „Ich musste Regeln erschaffen. Also kaufte ich den Hof und das Land. Hier können wir jagen, uns verwandeln, Druck abbauen. Außerhalb: Verbot. Wer es bricht, riskiert alles – und bringt uns alle in Gefahr.“

„Und Vassili?“, fragte ich.

„Er glaubte, über dem Gesetz zu stehen. Jagte heimlich draußen, verwischte seine Spuren… lange Zeit. Ich bemerkte zu spät, dass er sich nicht mehr regelmäßig verwandelte. Das macht jeden Werwolf instabil. Als er dann von dir zurückkam, erzählte er von dem Toten. Da stellte ich ihn zur Rede. Er wurde respektlos. Griff die Rangordnung an. Am Ende gab es einen Zweikampf.“

Er sah geradeaus.

„Ich habe gewonnen.“

Ich schwieg. Die Last seiner Worte war schwer. Und gleichzeitig: logisch. Wer ein Rudel führt, führt es mit Konsequenzen.

Nach einer Weile sprach er weiter: „Du fragst dich, was das für dich bedeutet.“

Ich nickte.

„Du bist ein Sonderfall. Magisch erschaffen. Wie Einar. Der Erste. Du bist der Beginn deiner eigenen Linie. Ein eigenes Rudel. Du gehörst nicht in meines. Wir können Feinde sein – oder Verbündete. Und ich hoffe auf Letzteres.“

Er musterte mich kurz.

„Du trägst viel von Einar in dir. Ich erkenne seinen Geruch, seine… Art. Wenn du ihm helfen kannst, zu uns zurückzufinden, gebe ich die Führerschaft gerne ab.“

Ich hatte keine Antwort. Dafür zu viele Gedanken im Kopf.

Ein blaues Schild am Rand der Autobahn tauchte auf.

Wuppertal. Fast da.

Und in mir die einzige Frage, die wirklich zählte:

Was erwartete mich dort?

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