Ich fuhr schweißgebadet aus dem Schlaf hoch. Mein Herz donnerte wie ein Trommelschlag im Eis.
Sophie.
Schon wieder. Ihr Bild haftete an mir wie Reif an einem Ast. Schlaf fand ich keinen mehr. Nach einer halben Stunde des Hin- und Herdrehens gab ich auf, zog mich an und ging in die Küche.
Dort brannte Licht.
Clara saß über ihr MacBook gebeugt. Sie hob sofort den Kopf, als sie mich bemerkte.
„Kannst du auch nicht schlafen?“ fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf. „Wieder diese Träume.“
„Hol dir einen Kaffee und erzähl mir davon.“
Mit einem dampfenden Becher setzte ich mich zu ihr.
„Warum bist du wach?“, fragte ich.
Sie rieb sich über die Stirn. „Ernsthaft? Gestern war… viel. Freunde, die keine Menschen sind. Du mit deinen Träumen und Runen und diesem Vampirfürsten. Das war einfach… zu viel für einen normalen Geist.“
Ich musste lachen. Sie hatte recht.
„Und das tippst du jetzt alles in dein MacBook?“
„Natürlich nicht.“ Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich habe über dein Traum-Siegel nachgedacht. Du willst ein Talisman – etwas, das dir hilft, die Verwandlung zu zügeln.“
Ich nickte. „Ich brauche etwas, das den Zorn bremst. Bis ich weiß, was ich eigentlich bin. Krieger? Beschützer? Berserker? Oder einfach ein Fehler im großen Spiel. Und Sareth wird mir keine Zeit lassen, das selbst zu finden.“
Clara klappte das MacBook zu. „Ich habe ein Ritual gefunden. Eine Methode, die wirken könnte. Willst du beginnen?“
„Womit beginnen?“ kam Fox’ Stimme aus der Tür.
Er sah ebenso unausgeschlafen aus wie ich. Als er sich Kaffee einschenkte, erklärte Clara ihm kurz das Ritual. Er nickte nur, griff in seine Umhängetasche und holte ein Bündel Salbei hervor.
„Für die Reinigung.“
Clara lächelte – ein warmes, seltenes Lächeln – und öffnete die Hintertür zum Garten.
„Kommt.“
Der Garten war ihr Heilraum. Kräuterbeete, alte Steine, kleine Runenstäbe, die im Boden steckten. Ein Ort, an dem die Welt stiller wurde.
„Hier verbinde ich mich mit dem Ursprung“, sagte sie leise. „Mit der Mutter. Mit Gott. Oder den Göttern.“
„Alle Götter sind ein Gott“, murmelte Fox neben ihr.
Ich folgte ihnen ein paar Schritte hinterher und spürte etwas, das ich nicht benennen konnte. Die beiden wirkten… verbunden. Wie zwei Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, ohne sie je gelernt zu haben.
Am Ende des Gartens schob Clara einen Busch zur Seite und offenbarte eine kleine Lichtung. Eine verborgene Kammer unter freiem Himmel.
Aus einer hölzernen, verschlossenen Kiste – deren Schlüssel sie an einer Kette um den Hals trug – holte sie eine bestickte Decke hervor. Runen. Spiralen. Alte Muster.
Sie entzündete in einer Messingschale eine kleine Flamme. Fox hielt seinen Salbei hinein, bis der Rauch weiß aufstieg.
„Zieht euch aus“, sagte sie sanft. „Der Körper muss frei sein.“
Ihre Stimme wurde zu einem Gesang – roh, rhythmisch, archaisch. Die Laute berührten etwas in mir, etwas, das älter war als Sprache.
Der Rauch glitt über ihre Haut, dann über Fox’, dann über meine. Warm. Rein. Wach.
Wir setzten uns auf die Decke.
Clara holte ein rundes Stück Birkenholz hervor. Glatt geschliffen. Die Jahresringe wie Atemlinien eines alten Wesens.
„Berkano“, flüsterte sie. „Die Wiederkehr nach dem Sturm.“
Dann sprach sie die Runen:
„Isa – das Eis. Halte das Feuer.
Laguz – das Wasser. Lass es fließen.
Berkano – das Leben. Finde zurück.“
Mit einem Bleistift zeichnete sie die Zeichen vorsichtig ein. Ihr Singsang wurde leiser, konzentrierter. Dann holte sie ein Taschenmesser hervor – ein altes, kunstvoll gearbeitetes Laguiole.
In meiner Geistersicht flammte es auf wie ein weißer Stern.
Eine Waffe der Zeit.
Clara ritzte die Runen in das Holz. Die Linien verbanden sich, verschmolzen, wurden zu einem Kreis.
„Das Siegel der Ruhe“, hauchte sie. „Trage es immer bei dir. Es wird dich halten – wenn du dich halten lässt.“
Als meine Finger das Birkenholz berührten, durchschlug mich ein Stoß wie kaltes Licht –
und ich stand wieder auf dem gefrorenen See.
Der Alte mit der Fackel sah mich an.
„Du hast sie gebunden“, sagte er. Seine Stimme vibrierte wie Wasser unter Eis. „Aber das Band ist nur so stark wie dein Wille.“
Wolfssohn trat neben mich.
„Hörst du es?“
Ich lauschte. Unter dem Eis rauschte es tief, unruhig. Wie ein Herz, das im Wasser schlägt.
„Laguz“, sagte Wolfssohn. „Das Wasser unter dem Eis. Es trägt dich, wenn du vertraust. Oder es zieht dich hinab, wenn du kämpfst.“
Der Alte kniete, legte die Hand auf das Eis. Die Runen unter seiner Hand begannen zu glimmen.
„Isa. Laguz. Berkano. Drei Tore. Ein Pfad.
Das Eis hält. Das Wasser fließt. Das Leben erwacht.“
Sein Blick wurde hart.
„Doch wehe dir, wenn du sie öffnest, wenn der Zorn dich ruft.“
Dann brach die Vision wie Eis unter einem Sprung.
Ich war wieder im Garten. Im Morgenlicht.
Wir zogen uns schweigend an. Fox half Clara, die Decke zusammenzufalten.
„Das Messer“, sagte er. „Woher hast du es?“
Sie strich über den Griff. „Radomir hat es mir geschenkt. Mammutzahn. Sehr alt. Ein Werkzeug für jemanden, der mit Geistern spricht, meinte er.“
Wir gingen auf das Haus zu.
Da flog die Tür auf.
Radomir stand in der Öffnung.
Sein Blick war hart, seine Stimme verschattet.
„Etwas ist passiert.“