Langsam kam ich wieder zu mir. Dunkelheit. Kalt. Schwer.
„Michael.“
Sareths Stimme schnitt durch die Schwärze wie ein Messer.
Ich wollte aufspringen, ihn anfallen, ihm das Herz rausreißen – doch die Ketten an meinen Handgelenken rissen mich brutal zurück. Metall bohrte sich in meine Haut. Silber. Ich spürte das Brennen sofort. Clever. Zu clever.
Ein Fingerschnippen. Eine kleine Flamme schwebte auf und entzündete Kerzen. Schummriges Licht kroch durch den Raum und ließ die Schatten zittern. Jetzt sah ich es deutlicher: meine Hände in dicken silberdurchwirkten Ketten. Und um mich herum ein Käfig – ebenfalls Silber. Ich durfte hier nicht raus. Ich sollte hier nicht raus.
Aber Silber heißt auch: Er wollte mich lebend. Noch.
Sareth saß vor mir, perfekt positioniert, als hätte er schon lange gewartet. Dieses überhebliche Vampirlächeln – das „Ich habe gewonnen“-Lächeln. Er genoss jeden Sekundenbruchteil, in dem er mich gebrochen sehen wollte.
Ich wollte schreien. Es wäre so leicht gewesen. Aber das hätte ihm gefallen – also blieb ich ruhig.
„Ich habe diesen Abend wirklich genossen“, sagte er leise. „Meine kleine neue Prinzessin entwickelt sich prächtig.“
Ich sagte nichts. Wartete.
Sein Blick wanderte prüfend über mein Gesicht. Er suchte nach einer Reaktion. Er bekam keine.
„Und wir hatten das alles schon so lange geplant.“
Wieder eine Pause. Wieder dieses Beobachten.
Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, was er meinte – und genau auf diesen Moment wartete er. Als er mein Erkennen sah, breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht.
„Ja, Michael. Schon sehr lange. Damals lebten der Graf und sein Sohn noch. Und du… du warst ein Nichts. Nicht mal am Rand meiner Aufmerksamkeit. Und dann tötest du eine Freundin… und durchkreuzt damit meine Pläne.“
Er neigte den Kopf. „Das hatte ich wirklich nicht erwartet.“
„Was willst du also? Rache?“
Er ließ sich Zeit mit der Antwort. Zeit bedeutete ihm nichts.
„Rache? Nein. Dafür war sie mir nicht wichtig genug. Aber ich mag es nicht, wenn eine so niedere, dumme Kreatur wie du mir im Weg steht.“
Die letzten Worte spuckte er mir entgegen. Sein Gesicht verzerrte sich, als würde etwas Dunkles aus ihm herausbrechen wollen. Die Augen flammten blutrot, die Eckzähne wuchsen, das ganze Antlitz: reine Wut, reine Fratze.
Dann – plötzlich – war alles wieder glatt. Zivilisiert.
War das gerade real gewesen?
Er sprach weiter, nun wieder im gelangweilten Tonfall: „Du trägst eine Information in dir. Eine sehr wichtige. Und ich werde sie haben“
Ich runzelte die Stirn.
Er genoss diesen Moment sichtbar.
„Natürlich weißt du selbst nichts davon. Aber einer deiner Vorfahren. Es gibt Mittel und Wege, solche Dinge aus dir herauszubrechen. Danach werde ich endlich besitzen, was mir seit über tausend Jahren zusteht: eine Armee von Berserker-Wölfen.“
Seine Stimme wurde voller, triumphierender.
„Damit wäre ich unaufhaltbar. Die anderen Familien würden fallen. Und euresgleichen…“ Er grinste breit. „Schlachtvieh. Nützlich, aber ersetzbar.“
Er sonnte sich in einer Zukunft, die noch nicht existierte – aber für ihn schon Realität war.
„Hast du da nicht den Falschen?“
Er hielt inne. „Was meinst du?“
Die Spannung in seiner Stimme war spürbar.
„Einar Wolfssohn.“
Ein schmaler Schatten lief über sein Gesicht. „Woher kennst du ihn“
„Radomir hat mir erzählt, was zwischen euch passiert ist.“
Zu meiner Überraschung entspannte er sich.„Den habe ich längst. Er wusste nicht mehr viel. Aber da, wo du hingehst, wirst du ihn kennenlernen.“
Er klatschte in die Hände.
Die Dunkelheit füllte sich mit Gestalten. Vampire. Viele.
Ein Tor öffnete sich. Dahinter: Schienen. Ein Güterwaggon. Der faulige Geruch von altem Holz drang herein.
Sie legten einen Steg zum offenen Waggon aus – und trugen meinen Käfig hinüber. Metall quietschte. Schritte hallten. Es war ein dumpfer, mechanischer Abstieg in etwas viel Größeres.
Die Tür des Waggons fiel zu. Dunkelheit verschluckte mich erneut.
Doch vorher – ein letzter Blick.
Sareth stand im Portal. Neben ihm Sophie. Und neben ihr: Moon. Durchscheinend, nur für mich sichtbar. Keiner ihrer Feinde sah sie. Unsere Blicke trafen sich.
Und in diesem Augenblick – in diesem fragilen Herzschlag – kam meine Kraft zurück.
Nicht die rohe Bestie, sondern etwas Tieferes. Etwas, das sich weigerte zu sterben.
Ich spürte mein Herz wieder schlagen. Und die Bestie… sie grinste in mir.
Der Waggon ruckte an.
Die Fahrt begann.