Clara lenkte den Mini auf einen schmalen Zufahrtsweg. Hinter uns schloss sich das Tor wie von Geisterhand. Ein dumpfer Schlag.
Verdammt. Eingesperrt.
„Wer ist dein Freund, Clara?“, platzte es aus mir heraus.
„Hey!“ Sie lächelte mich an. „Jetzt sind wir schon beim Du.“
Feine Lachfältchen umspielten ihre Augen. Kein Argwohn. Kein Täuschungsversuch. Ich wollte ihr glauben – musste es aber nicht.
Sie bemerkte meinen Blick. „Was ist denn?“
Ich schüttelte nur den Kopf, suchte mit den Fingern den Türöffner, hörte das leise Klack. Dann griff ich meinen Sling Bag, riss die Tür auf und sprang aus dem Wagen.
Claras „Moment mal!“ verlor sich hinter mir. Ich rollte über den Schotter, schlitterte in die Abflussrinne und kam erst dort zum Stillstand. Mein Tomahawk in der rechten, das Messer in der linken. Ich schoss zwischen die Bäume. Moon war sofort bei mir, Nackenfell hochgestellt.
Ich lief im rechten Winkel vom Weg weg, etwa fünfzig Meter, bog dann nochmal ab und schlich auf den Lichtschein des Bauernhofs zu. Wenn uns jemand erwartete, würde ich von der Seite kommen. Nicht wie ein Opfer.
Kurz vor der Baumgrenze machte ich langsam. Hockte mich hin, beobachtete.
Fox stieg aus dem Mini, der Colt bereits in der Hand. Auf der anderen Seite sprang Clara heraus, fluchend, fassungslos – bis Fox ihr die Mündung ins Gesicht hielt. Sein Blick war eiskalt. Ihrer wurde zu Angst. Reale Angst.
Die Haustür flog auf.
Ein Mann Mitte fünfzig trat heraus. Breit. Stark. Kein Gramm Fett. Wettergegerbte Haut. Die dunkelblonde Mähne nur notdürftig gebändigt, eine grüne Wachsjacke über den muskulösen Oberkörper geworfen. Jemand, der draußen lebte – nicht im Warmen.
Er erstarrte kurz, musterte Fox’ Waffe.
„Das brauchst du hier nicht“, sagte er ruhig. Keine Hast. Keine Drohung. „Ich habe euch eingeladen. Ihr seid Gäste. Wir wollen reden.“
Langsam hob er beide Hände. Offen. Leer.
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich Bewegung.
Ich wechselte in die Geistersicht – und sah sie.
Rot-weiße Körper, groß, schwer, Fell, Klauen, Reißzähne. Bestien wie ich eine war. Sie formten einen Halbkreis, schoben sich immer dichter zusammen, bis sie die offene Fläche einrahmten.
Die ersten traten aus dem Wald in den Lichtkegel. Clara sah sie – und brach innerlich. Die Panik zerschnitt ihr Gesicht, ließ das schwarze Make-up auf ihren Wangen zu dunklen Schlieren verlaufen.
„Radomir… was läuft hier?“
Er ging nicht zu Fox. Er ging zu ihr. Umarmte sie, hielt sie vorsichtig, flüsterte beruhigend. Der starke Mann, der die Welt abfedern wollte, damit sie atmen konnte.
Dann hob er den Kopf – und sah mich.
Sein Blick verharrte. Ich trat aus dem Schatten der Bäume. Moon an meiner Seite. Hinter dem Halbkreis der Bestien. Sie hatten mich nicht einmal bemerkt.
Radomir knurrte ein einziges, tiefes Kommando.
Die Kreaturen reagierten sofort. Ihre Leiber verschmolzen, Knochen knackten, Fell wanderte – und sie sanken auf alle viere. Aus Bestien wurden Wölfe. Ein Dutzend. Zwei Dutzend. Mehr.
Clara starrte, unfähig zu begreifen.
Dann erkannte sie mich.
Das Tomahawk. Das Messer. Moon wie eine zweite Schattenlinie neben mir.
Fox senkte die Waffe langsam. Bereit, aber nicht mehr im Anschlag.
Radomir musterte mich.
„Dramatischer Auftritt, Bruder. Das hätte ins Auge gehen können.“
„Ich bin nicht dein Bruder.“
„Mehr als du denkst. Nimm die Waffen runter. Du bist unter Freunden.“
„Bin ich das?“
Eine lange Sekunde. Sein Blick blieb klar. Kein Trick. Kein Hinterhalt. Ich spürte, wie sehr Moon ihn roch – und wie sehr sie ihn akzeptierte.
Sie trottete auf ihn zu. Clara wollte zurückweichen, doch Radomir hielt sie sanft. Beide gingen langsam in die Hocke.
Moon schnupperte an ihm, prüfte, wandte sich dann zu Clara. Schließlich setzte sie sich ab, hob den Kopf – und heulte. Tief. Melodisch. Uralt.
Aus dem Wald antwortete ein Chor.
Hunderte Wölfe.
Es vibrierte in meinen Knochen.
Ich konnte nicht widerstehen. Ich hob den Kopf und ließ meinen Schrei hinaus. Wild. Frei. Voller Kraft.
Und der Wald antwortete.
Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren fühlte ich mich… angekommen.
Zuhause.
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