Vor vier Jahren hatte ich den Weg zurück in den Job geschafft. Nach der zweiten Wiedereingliederung und mit reduzierter Arbeitszeit konnte ich dort langsam wieder Fuß fassen.
Nach und nach wurden die Anforderungen an mich und meine Arbeit gesteigert. Auf das Niveau von vor der Erkrankung bin ich allerdings nie wieder gekommen. Weder im Job noch bei meiner eigentlich recht aktiven Freizeitgestaltung.
Meine Kampfsportambitionen musste ich begraben und auch im Outdoorbereich meine Leistung deutlich reduzieren. Dennoch würde ich mein Aktivitätslevel der vergangenen Jahre als gar nicht so schlecht bezeichnen. Ich war wieder draußen unterwegs, bin gewandert, habe trainiert und gearbeitet.
Von außen betrachtet sah vieles wahrscheinlich längst wieder ziemlich normal aus.
Im vergangenen Jahr kamen allerdings die ersten deutlicheren Einbrüche.
Bei einer Bergwanderung am Watzmann kam mein Puls beim Aufstieg aus dem Tritt und ich musste meine Belastung deutlich reduzieren. Ein paar Monate später passierte mir im Siebengebirge etwas Ähnliches. Gerade im höheren Belastungsbereich hatte ich das Gefühl, dass mein Herz nicht mehr optimal arbeitete.
Es folgten Untersuchungen beim Hausarzt und beim Kardiologen und schließlich weitere Herzuntersuchungen in der Nuklearmedizin. Dabei wurde unter anderem eine Narbe an der Herzhinterwand sowie eine geringe Herzinsuffizienz festgestellt, die weiter beobachtet werden soll.
Ob und in welchem Zusammenhang diese Befunde mit meiner früheren Covid-Erkrankung stehen, kann ich nicht beurteilen. Für mich bedeuteten sie aber vor allem eines: Ich musste mich wieder intensiver mit meinen körperlichen Belastungsgrenzen beschäftigen.
Und in diesem Jahr kamen plötzlich weitere Probleme hinzu.
Auf einmal wirkten sich ganz alltägliche Dinge wie längere Autobahnfahrten negativ auf meine Belastungsfähigkeit aus. Dinge, über die ich früher überhaupt nicht nachgedacht hätte, wurden plötzlich anstrengend.
Gleichzeitig wurde ich im Job neuen Arbeitsbereichen zugeteilt und die Belastung stieg auch dort enorm an. Mehrmals schickte mir mein Körper deutliche Überlastungssignale.
Allen voran wieder diese heftigen Kopfschmerzen und die damit verbundene Reizüberflutung. Irgendwann funktioniert der Kopf einfach nicht mehr richtig. Konzentration wird schwierig, Licht und andere Reize werden unangenehm und irgendwann bleibt eigentlich nur noch der Rückzug.
Momentan habe ich deshalb das deutliche Gefühl, dass einige meiner alten Long-Covid-Symptome zurückkehren.
Und natürlich frage ich mich, warum.
Vielleicht habe ich es in den vergangenen Jahren mit der Belastung immer wieder etwas zu weit getrieben. Vielleicht war die vermeintliche Normalität gar keine wirkliche Normalität, sondern ich habe mich über Jahre ziemlich nah an meiner persönlichen Belastungsgrenze bewegt.
Das Schwierige daran ist: Woher soll man wissen, wo diese Grenze liegt?
Wenn ich zehn Kilometer wandern kann, warum sollten zwölf Kilometer ein Problem sein? Wenn ich einen normalen Arbeitstag bewältige, warum sollte eine zusätzliche Aufgabe zu viel sein?
Und wenn es heute funktioniert – bedeutet das noch lange nicht, dass mein Körper nicht morgen oder übermorgen die Rechnung dafür präsentiert.
Genau das macht den Umgang mit Long Covid für mich nach wie vor so schwierig.
Von außen sieht mein Leben inzwischen wieder ziemlich normal aus. Ich arbeite, gehe wandern, bin mit meinem Hund draußen, trainiere und beschäftige mich mit den Dingen, die mir wichtig sind.
Aber Normalität bedeutet offenbar noch lange nicht, wieder gesund zu sein.
Vielleicht habe ich in den vergangenen Jahren auch zu sehr versucht, nach den Maßstäben meines Lebens vor der Erkrankung zu funktionieren. Immer wieder ein bisschen mehr. Wieder leistungsfähiger werden. Wieder belastbarer werden. Irgendwann wieder dort ankommen, wo ich einmal war.
Inzwischen frage ich mich, ob genau das überhaupt der richtige Maßstab ist.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, immer wieder auszuprobieren, wie weit ich meinen Körper noch pushen kann. Vielleicht muss ich viel stärker akzeptieren, dass meine Belastungsgrenzen heute andere sind – und lernen, innerhalb dieser Grenzen ein gutes und aktives Leben zu führen.
Das fällt mir nicht leicht.
Denn gerade wenn es einem eine Zeit lang besser geht, entsteht schnell der Eindruck, man hätte die Erkrankung endlich hinter sich gelassen. Man wird mutiger, macht wieder mehr und irgendwann vergisst man beinahe, wie schlecht es einem einmal gegangen ist.
Bis der Körper einen daran erinnert.
Aktuell merke ich einen deutlichen Rückschritt in meiner Belastungsfähigkeit. Vielleicht bin ich in den vergangenen Monaten tatsächlich nur knapp an einem größeren Zusammenbruch vorbeigeschrammt, wie ich ihn während der akuten Phase meiner Long-Covid-Erkrankung erlebt habe.
Das weiß ich nicht.
Und vielleicht ist genau diese Unsicherheit das Frustrierendste an der ganzen Sache.
Vier Jahre nach meiner Rückkehr in den Beruf stelle ich mir deshalb wieder eine Frage, von der ich eigentlich gehofft hatte, sie irgendwann nicht mehr stellen zu müssen:
Wann endet Long Covid eigentlich?
Im Moment habe ich darauf keine Antwort.
Also werde ich wohl wieder genauer auf meinen Körper hören müssen. Nicht darauf, was ich meiner Meinung nach eigentlich leisten können müsste. Nicht darauf, was andere für normal halten. Sondern darauf, was tatsächlich geht.
Ob und wie sich meine Belastungsfähigkeit in den nächsten Wochen entwickelt, wird sich zeigen.
Vielleicht geht es diesmal auch weniger darum, möglichst schnell wieder zurückzukommen.
Vielleicht geht es zunächst einfach darum, nicht wieder zu weit zu gehen.