Am 31. Oktober 2026 gingen in zahlreichen deutschen Städten junge Menschen auf die Straße. Sie demonstrierten für bessere Bildung und eine Zukunft, in der ihre Interessen stärker berücksichtigt werden.
Doch am Abend dominierten ganz andere Bilder die Nachrichten. Krawalle, Angriffe auf Polizeibeamte, Zerstörungen und Plünderungen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt fand dafür deutliche Worte. Gegenüber dem Onlineportal der Bild erklärte er am Sonntag:
„Gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu haben gestern Abend die friedlichen Demonstrationen vom Nachmittag gekapert.“
Eine bemerkenswerte Aussage. Denn sie unterscheidet ausdrücklich zwischen den friedlich demonstrierenden Schülern und jenen Gruppen, die die Proteste offenbar für ihre eigenen Zwecke nutzten.
Ich habe mir zahlreiche Videos der Ausschreitungen in den sozialen Medien und in der Presse angeschaut. Dabei drängte sich mir immer wieder dieselbe Frage auf: Was hatten die Menschen, die dort Gewalt ausübten, eigentlich noch mit den ursprünglichen Forderungen der Schüler zu tun?
Natürlich lässt sich aus Videomaterial allein nicht zuverlässig feststellen, wer diese Menschen waren oder welche Motive sie verfolgten.
Aber eines steht für mich fest: Wer eine friedliche Demonstration für Gewalt und Zerstörung missbraucht, schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Menschen, die ursprünglich für ihre berechtigten Anliegen auf die Straße gegangen sind.
Und genau hier beginnt für mich ein grundsätzliches Problem.
Wie leicht lassen wir uns heute eigentlich vor einen fremden Karren spannen? Wie schnell übernehmen wir Meinungen, Parolen und Forderungen, ohne sie ausreichend zu hinterfragen?
Und welche Rolle spielt dabei unsere Bildung?
Als Wissen noch mühsam beschafft werden musste
Als ich Schüler war, gab es noch kein Internet. Die ersten Heimcomputer hielten langsam Einzug in die Kinderzimmer. Man konnte damit kleine Programme schreiben, Texte verfassen oder einfache Computerspiele spielen. Aber um sich Wissen anzueignen, waren diese Geräte kaum geeignet.
Im Grunde gab es damals drei wesentliche Wege, sich zu bilden.
Der erste war die Schule. Dort wurde uns anhand eines weitgehend festen Lehrplans vermittelt, was wir wissen sollten. Bis zur zehnten Klasse waren die Möglichkeiten, eigene Schwerpunkte zu setzen, eher überschaubar. Erst in der Oberstufe änderte sich das.
Der zweite Weg waren Bücher.
Natürlich habe auch ich als Kind und Jugendlicher die übliche Unterhaltungsliteratur verschlungen. Aber mit zunehmendem Alter kamen klassische Literatur, Sachbücher und Fachliteratur hinzu. Wer etwas wissen wollte, musste sich ein entsprechendes Buch besorgen. Manchmal bedeutete das einen Besuch in der Stadtbibliothek, manchmal den Kauf eines Buches, von dem man vorher gar nicht wusste, ob es die gesuchten Antworten enthielt.
Der dritte Weg war das Fernsehen.
Auch damals gab es reichlich Unterhaltung. Filme, Serien und Quizshows. Aber eben auch Dokumentationen, Reportagen und Wissenssendungen. In meiner frühen Schulzeit standen mir gerade einmal drei Fernsehprogramme zur Verfügung.
Das Informationsangebot war also überschaubar. Und trotzdem konnte man sich bilden, wenn man bereit war, etwas dafür zu tun.
Das gesamte Wissen der Welt in der Hosentasche
Heute sieht die Welt vollkommen anders aus.
Wir leben im Informationszeitalter. Jeder von uns trägt mit seinem Smartphone einen Zugang zu einer nahezu unerschöpflichen Menge an Informationen mit sich herum.
Wer etwas über Geschichte wissen möchte, kann historische Dokumente lesen, Vorträge anschauen oder virtuelle Museumsbesuche unternehmen.
Wer sich für Naturwissenschaften interessiert, findet Universitätsvorlesungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen und verständlich aufbereitete Erklärungen.
Wer eine Sprache lernen, ein Musikinstrument spielen oder sich handwerkliche Fähigkeiten aneignen möchte, findet dafür unzählige Möglichkeiten.
Und ein erstaunlich großer Teil dieses Wissens ist vollkommen kostenlos zugänglich.
Natürlich ist nicht alles, was im Internet steht, richtig. Aber gerade deshalb gehört zur Bildung heute auch die Fähigkeit, Quellen zu prüfen, unterschiedliche Perspektiven zu vergleichen und Behauptungen kritisch zu hinterfragen.
Eigentlich müssten wir heute eine der bestinformierten Generationen der Menschheitsgeschichte erleben.
Aber sind wir das wirklich?
Wenn der Algorithmus das Denken übernimmt
Ich höre immer wieder von jungen Menschen, die täglich viele Stunden auf TikTok oder anderen sozialen Plattformen verbringen.
Nicht, weil sie dort gezielt nach Informationen suchen. Sondern weil sie abschalten wollen. Weil ein Video auf das nächste folgt. Weil der Algorithmus immer neue Inhalte liefert.
Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Jeder Mensch braucht Unterhaltung und Entspannung. Auch ich habe in meiner Jugend sicherlich genügend Stunden mit Dingen verbracht, die keinen erkennbaren Bildungswert hatten.
Aber es gibt einen Unterschied.
Früher musste ich mich aktiv entscheiden, was ich lesen oder anschauen wollte. Heute übernimmt diese Entscheidung zunehmend ein Algorithmus.
Und dieser Algorithmus verfolgt nicht das Ziel, mich zu einem gebildeteren Menschen zu machen. Er soll mich möglichst lange auf der Plattform halten.
Was Aufmerksamkeit erzeugt, wird bevorzugt ausgespielt. Empörung, Angst, Wut und einfache Antworten auf komplizierte Fragen können dabei besonders wirksam sein.
Das haben längst auch politische und religiöse Extremisten erkannt. Sie nutzen soziale Medien, um ihre Weltbilder zu verbreiten, Feindbilder aufzubauen und Menschen für ihre Ziele zu gewinnen.
Radikalisierung ist dabei kein Phänomen einer bestimmten Religion oder politischen Richtung. Die Mechanismen finden sich in ganz unterschiedlichen extremistischen Milieus.
Und sie funktionieren besonders gut, wenn Menschen aufhören, das zu hinterfragen, was ihnen präsentiert wird.
Protestieren ist richtig. Sich instrumentalisieren zu lassen nicht.
Ich finde es grundsätzlich gut, wenn junge Menschen sich politisch engagieren.
Wenn Schüler für bessere Bildung, bessere Schulen oder ihre Zukunft auf die Straße gehen, ist das zunächst einmal ein Ausdruck demokratischer Beteiligung.
Aber gerade wer für seine Überzeugungen demonstriert, sollte wissen, mit wem er dort unterwegs ist.
Wer organisiert die Proteste? Welche Interessen verfolgen die beteiligten Gruppen? Welche Forderungen werden tatsächlich erhoben? Und wer versucht möglicherweise, die Aufmerksamkeit für ganz andere Ziele zu nutzen?
Das sind Fragen, die man stellen sollte.
Denn eine berechtigte Forderung wird nicht dadurch besser, dass sich gewaltbereite Gruppen ihrer bemächtigen.
Im Gegenteil. Am Ende reden die Menschen nicht mehr über die ursprünglichen Anliegen der Schüler, sondern über brennende Barrikaden, verletzte Polizeibeamte und zerstörte Geschäfte.
Die eigentliche Botschaft geht unter.
Und diejenigen, die friedlich für ihre Interessen demonstriert haben, müssen sich plötzlich für das Verhalten anderer rechtfertigen.
Das kann nicht im Interesse der Schüler sein.
Bildung ist mehr als das Sammeln von Informationen
Vielleicht liegt genau hier eines unserer größten Missverständnisse.
Wir verwechseln Informationen mit Wissen. Und Wissen wiederum mit Bildung.
Nur weil ich täglich hunderte Nachrichten, Videos und Beiträge konsumiere, bedeutet das noch lange nicht, dass ich anschließend besser informiert bin.
Und selbst wenn ich viele Fakten kenne, heißt das nicht automatisch, dass ich Zusammenhänge verstehe.
Bildung bedeutet für mich auch, die eigene Meinung hinterfragen zu können. Widersprüche auszuhalten. Zu akzeptieren, dass eine andere Sichtweise möglicherweise berechtigt ist.
Vor allem aber bedeutet Bildung, selbstständig zu denken.
Das gilt übrigens nicht nur für junge Menschen. Auch meine Generation ist keineswegs davor gefeit, sich in den eigenen Überzeugungen einzurichten und nur noch Informationen zu konsumieren, die das eigene Weltbild bestätigen.
Vielleicht ist das sogar eine der größten Gefahren unserer Informationsgesellschaft.
Wir können heute nahezu alles erfahren. Aber wir müssen uns immer weniger mit Dingen beschäftigen, die unseren eigenen Ansichten widersprechen.
Nutzt das, was ihr in der Hand habt!
Ich möchte jungen Menschen nicht vorschreiben, wofür sie demonstrieren sollen. Und ich möchte ihnen auch nicht erklären, welche politische Meinung die richtige ist.
Aber ich möchte ihnen etwas mitgeben.
Ihr habt heute Möglichkeiten, von denen meine Generation als Schüler nur träumen konnte.
Ihr könnt euch innerhalb weniger Minuten über nahezu jedes Thema informieren. Ihr könnt unterschiedliche Standpunkte kennenlernen, wissenschaftliche Erkenntnisse nachlesen und euch Wissen aneignen, das früher nur mit erheblichem Aufwand zugänglich war.
Nutzt diese Möglichkeiten!
Nicht jede freie Minute muss der Bildung dienen. Aber vielleicht sollte man gelegentlich darüber nachdenken, ob die nächste Stunde mit belanglosen Kurzvideos wirklich das ist, was man mit seiner Zeit anfangen möchte.
Und wenn euch jemand auffordert, für eine Sache auf die Straße zu gehen, dann informiert euch. Fragt nach. Schaut euch an, wer hinter den Forderungen steht und welche Interessen damit verbunden sind.
Übernehmt nicht einfach die Meinung anderer. Auch nicht meine.
Denn das ist für mich der eigentliche Wert von Bildung.
Nicht, dass wir alle dasselbe denken.
Sondern dass wir gelernt haben, selbst zu denken.
Wer selbstständig denkt, lässt sich nicht so leicht vor einen fremden Karren spannen.