Diesmal brauchte ich den Urlaub. Der Stress hatte mich fest im Griff. Arbeit und meine Erkrankung mit PCS machten mir zunehmend zu schaffen.
Ich musste raus. Aber nicht zu weit in die Ferne und auch nicht in völlig unbekannte Gefilde. Da fiel die Wahl ziemlich schnell wieder auf den Westerwald.
Einerseits war ich hier schon viele Kilometer gewandert, andererseits gab es noch genug Unbekanntes zu entdecken. Außerdem haben Freunde von mir hier inzwischen ihr neues Zuhause gefunden.

Doch diesmal wollte ich nicht nur ein paar Tage bleiben. Ich wollte mir mehr Zeit nehmen und wieder etwas Neues entdecken. Also suchte ich mir über Airbnb eine Unterkunft.
Die Hütte

Dabei habe ich für mich einen absoluten Geheimtipp gefunden. Die kleine Wochenendhütte im Dorf Seyen lag so richtig weitab vom Schuss und war selbst mit dem Navi nicht ganz einfach zu finden.

Am Ende wohnten Loki und ich in schöner Dorfrandlage, in einer gemütlich eingerichteten Hütte mit großem Garten und Veranda.

Gerade diese Veranda mit dem Blick Richtung Sonnenaufgang wurde schnell zu meinem Ruheplatz.
Schauen. Meditieren. Runterkommen.

Genau das, was ich gerade brauchte.
Nahbereichserkundung
Am ersten Nachmittag erkundeten wir nur grob die Umgebung von Seyen. Der Wiedweg verläuft direkt durch den Ort, aber den hoben wir uns für den nächsten Tag auf.

Stattdessen ging es oberhalb von Seyen in den Wald. Mehrere Wege führen dort zum Funkturm und von ihm weiter hinein in die Landschaft.
Natürlich sind wir an diesem ersten Tag nicht alle gegangen. Aber während unserer elf Tage dort haben wir, glaube ich, wirklich fast jeden davon einmal ausprobiert.

Den Abend ließen wir ganz entspannt mit einem Buch und Tee ausklingen.
Draußen zog ein Gewitter durch. In so einer kleinen Hütte fühlt sich das doch ganz anders an als in einer Großstadtwohnung. Loki legte immer wieder die Ohren an, wenn es draußen krachte, und suchte meine Nähe.
Einstieg in den Wiedweg
Am nächsten Morgen stiegen wir ganz sanft in den Wiedweg ein.

Der Plan war einfach: erst einmal wieder ins Wandern hineinkommen. Kein Gewaltmarsch. Ungefähr fünf Kilometer in eine Richtung und dann wieder zurück.
Der Wiedweg folgt, wie der Name vermuten lässt, dem Flüsschen Wied und ist insgesamt rund 108 Kilometer lang. Komplett wollte ich ihn ohnehin nicht wandern. Aber es war natürlich praktisch, dass er direkt vor unserer Haustür vorbeiführte.

So ging es über Seelbach ganz entspannt an der Wied entlang bis nach Döttesfeld.
Dort waren wir bei gut fünf Kilometern angekommen. Eine gute Halbzeit und genau der richtige Zeitpunkt für den Rückweg.

Am Ende wurden es bei strahlendem Sonnenschein knapp elf Kilometer Gesamtlänge.
Aber wir hatten bereits den nächsten Wanderweg entdeckt.
Neben Döttesfeld liegt das Dorf Seifen. Dort gibt es den Themenwanderweg „1. Klasse“, der sich mit der Geschichte der Wiedbahnen beschäftigt.
Als ich zurück in der Hütte anfing, die Hintergründe zu recherchieren, wusste ich: Das würde ein roter Faden für unsere Zeit hier werden.
Die verschwundenen Wiedbahnen
Heute führt nur noch eine Bahnstrecke durch das Wiedtal. Früher verliefen hier mehrere Strecken, die unter anderem mit dem Erzabbau und dem Transport zu den Verarbeitungsstätten verbunden waren.

Gerade während des Zweiten Weltkriegs spielte die Region eine wichtige Rolle. Auch militärische Kommandozüge sollen die Strecken und Tunnel genutzt haben.
Als sich 1945 die Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete und die Alliierten über den Rhein vorrückten, kam es auch in dieser Region zu schweren Kämpfen und Luftangriffen.

Beim Rückzug zerstörten deutsche Soldaten Brücken und Teile der Bahnstrecken, um den Vormarsch der Alliierten zu behindern.
Noch heute findet man Spuren dieser alten Wiedbahnen.
Mal läuft man über eine ehemalige Bahntrasse, mal steht direkt neben dem Weg ein alter Brückenkopf. Und wer die ausgetretenen Wege verlässt und ein wenig genauer hinschaut, entdeckt plötzlich alte Brückenbögen mitten in der Landschaft.

Für mich natürlich immer ein Grund, nicht nur stur dem Hauptweg zu folgen, sondern auch mal nach links und rechts zu schauen.
Themenwanderweg „1. Klasse“
Der Rundweg führt um das Dorf Seifen und macht die Bahngeschichte der Umgebung sichtbar.
Der Weg selbst war schön. Wir mussten nur zweimal eine Landstraße überqueren. Ansonsten ging es an der Wied und am Holzbach entlang – inklusive einiger ordentlicher Steigungen.

Auf mehreren Infotafeln wird die Geschichte der Bahnstrecken erklärt.
Und wir trafen sogar auf eine Schaukelbank. Die musste natürlich ausprobiert werden.

Oberhalb von Seifen fanden wir außerdem einen alten Bahntunnel. Dort soll während des Krieges ein Kommandozug Schutz gesucht haben.
Geht man den Weg weiter, erreicht man einen markanten Felssporn. Aufgrund seiner Form und Lage wird vermutet, dass sich dort früher eine Fliehburg befunden haben könnte.

Beim Abstieg nach Seifen liefen wir schließlich zwei Rehen beinahe direkt in die Arme. Natürlich waren sie schnell verschwunden. Loki wäre dagegen sehr gerne hinterher.
Wiedweg von Döttesfeld bis Oberlahr
Diese Tour hatte ich morgens nur grob geplant. Am Ende wurden es dann doch mehr als die vorgesehenen sechzehn Kilometer.
Der Zuweg führte wieder über Seifen nach Döttesfeld und funktionierte problemlos.

Das erste kleine Highlight war die Döttesfelder Klamm.
Ich ging ein Stück hinein, aber an einer Felswand mit Wasserfall war nach wenigen Metern Schluss. Mit Hund hatte ich keine Chance weiterzukommen. Loki war ohnehin völlig außer Rand und Band.
Ein paar Meter später wusste ich auch warum. Auf der anderen Seite der Wied kamen fünf Nutrias zum Fluss und schwammen zu einer Wurzel mitten im Wasser.
Loki wäre am liebsten hinterhergesprungen.

Kurz danach erreichten wir den Tunnel. Auch dort begegneten uns weitere Nutrias.
Danach verlief der Wiedweg häufiger in Straßennähe Richtung Oberlahr.
Dort verließ ich den Weg kurz, um herauszufinden, ob es vielleicht eine Gaststätte mit Mittagstisch gab. Das Einzige, was ich zunächst fand, wirkte eher wie ein Lost Place.
Auf dem Rückweg zum Wiedweg machte mich dann ein Schild zum Westerwald-Treff stutzig. Irgendetwas sagte mir dieser Name.
Tatsächlich stand dort ein recht modernes Hotel und direkt daneben eine geöffnete Pizzeria. Also setzte ich mich mit Loki für eine Stunde hin und gönnte mir eine Pizza.

Während ich dort saß, kam plötzlich die Erleuchtung: Ich war bei meiner allerersten Westerwald-Tour schon einmal hier gewesen und hatte damals mit meiner Hündin Nelly eine Nacht in genau diesem Hotel verbracht.
Immer wieder erstaunlich, was man eigentlich schon kennt und fast komplett vergessen hat.
Der Rückweg schlauchte dann langsam. Vor allem, weil ich in Döttesfeld noch einen zerbombten Brückenkopf finden wollte. Da kam wieder der kleine Indiana Jones in mir durch.

Mit Loki abseits der Wege durchs Unterholz zu gehen und dabei gezielt etwas zu suchen, funktionierte allerdings nur bedingt. Er suchte nach Wildspuren. Ich nach Überresten aus dem Zweiten Weltkrieg.
Keine besonders gute Kombination.
Wiedweg von Seyen Richtung Altenkirchen
Der Einstieg in meinen Urlaub war dann doch etwas zu heftig gewesen. Mehrere Wanderungen deutlich über fünfzehn Kilometer – dazu morgens und abends die normalen Hunderunden mit Loki rund um Seyen.
Kein Tag blieb unter zwanzig Kilometern. Das schlauchte mich stärker, als mir lieb war.
Eigentlich sollte das ein entspannter Urlaub werden. Das Leistungsdenken sollte zu Hause bleiben.
Also nahm ich heute bewusst Tempo und Strecke heraus und lief die Etappe von Seyen in Richtung Altenkirchen.

So richtig gefallen hat mir dieser Abschnitt allerdings nicht.
Von der Wied war kaum etwas zu sehen. Sie verlief weit unten im Tal, während Loki und ich durch kleine Ortschaften und über viele Forststraßen marschierten.
Viel Asphalt. Viel Schotter.
Nach gut fünf Kilometern drehten wir deshalb um.
Auf dem Rückweg probierten wir noch einen alternativen Aufstieg über den Wiedweg nach Seyen.
So kamen am Ende knapp zehn Kilometer und rund zweieinhalb Stunden Wanderung zusammen.
Und das reichte völlig.
Wiedweg Oberlahr bis Peterslahr
Diesmal war ich nicht alleine mit Loki unterwegs. Mein Freund Thomas begleitete uns.

Von Oberlahr ging es an der Wied entlang Richtung Burglahr. Unsere erste Station war der Alvensleben-Stollen. Leider war er geschlossen.
Danach ging es steil bergauf Richtung Peterslahr. Nach dem Abstieg besuchten wir dort kurz die Kirche und suchten anschließend einen alternativen Rückweg Richtung Burglahr.

Dort wollte ich mir noch den Bergfried ansehen. Leider war auch der verschlossen und wir konnten nicht hinauf. Dafür machten wir dort eine Pause in der Sonne.
Anschließend ging es hinunter nach Burglahr und am Stollen vorbei zurück nach Oberlahr.
Hier merkte ich deutlich, dass Mitte September die Feriensaison im Westerwald bereits weitgehend vorbei ist.

Viele Restaurants haben ohnehin nur am Wochenende für Ausflügler geöffnet. Unter der Woche fanden wir auf unseren Wanderungen nur wenige Möglichkeiten einzukehren und etwas zu essen.
Da war ich froh, dass mein Mini Clubman gleichzeitig mein kleiner Micro-Camper ist.
Den dort gelagerten Vorrat habe ich während des Urlaubs komplett leergefuttert. Der nächste Supermarkt in Flammersfeld lag gut zehn Kilometer entfernt und ich kam auch nicht jeden Tag daran vorbei.
Aber grundsätzlich macht es mir nichts aus, mich ein paar Tage von Trekkingnahrung und Doseneintöpfen zu ernähren. Auf einer Campingtour hätte ich es schließlich auch nicht anders gemacht.
Rundweg Seyen
Heute war der erste richtige Regentag in Seyen.
Also dachte ich mir, dass ich mit Loki einfach die Runde laufe, die direkt im Ort vorgeschlagen wird. Dort steht eine große Übersichtskarte.

Leider führte die knapp zwölf Kilometer lange Strecke überwiegend über Straßen und breite Schotterwege. Immer wieder mussten wir zur Seite gehen, weil Autos an uns vorbeifuhren.
Irgendwann hatte ich genug davon.
Mit dem Smartphone suchte ich immer wieder nach Alternativstrecken durch den Wald oder entlang der Felder. Trotzdem landeten wir früher oder später immer wieder auf irgendeiner Straße.

Dabei nahm der Regen stetig zu. Zum Ende waren wir in einem ordentlichen Landregen unterwegs. Ein Hoch auf den Regenponcho. Auch wenn so ein Teil bei den vergleichsweise hohen Temperaturen ebenfalls nicht wirklich angenehm zu tragen ist.
Am Ende waren Loki und ich wohl beide froh, wieder in der Hütte zu sein.
Aufwärmen. Trocknen. Feierabend.

Rundwanderung zum Kloster und zur Burgruine Ehrenstein
Bevor es aber losging, gab es auf unserer morgendlichen Hunderunde ein paar sehr schöne Nebelbilder:







Heute war ich wieder alleine mit Loki unterwegs. Wir fuhren direkt zum Kloster Ehrenstein und parkten auf dem dortigen Parkplatz.
Von dort ging es zunächst über eine Hängebrücke über die Wied. Das hat Loki wirklich hervorragend gemacht.

Danach folgte ein heftiger Anstieg mit einem tollen Blick zur gegenüberliegenden Felswand. Wir überquerten den Höhenzug und wanderten auf der anderen Seite steil bergab.
Durch ein Feriendorf ging es zurück zur Wied, der wir auf schmalen Pfaden am Hang folgten. Dabei entdeckten wir zwei weitere zerstörte Brücken der alten Bahnstrecken.

Und natürlich ging es wieder bergauf. Kurze Zeit später wieder hinunter Richtung Kloster und Burgruine.
Leider ist die Burgruine Ehrenstein nicht begehbar, sodass wir sie nur von außen betrachten konnten. Gegenüber der Ruine liegt außerdem noch ein Turm im Wald.

Der war deutlich schwieriger zu erreichen. Am Ende schafften wir es zwar, aber es wurde eine ziemlich anstrengende Kraxelei.
Diese Wanderung war bislang unsere kürzeste Tour. Gleichzeitig war sie wandertechnisch wahrscheinlich die anspruchsvollste.
Ich bin sehr froh, sie gemacht zu haben.
Bahndreieck Döttesfeld
Heute ging es über die Höhe noch einmal Richtung Döttesfeld.
Ich wollte mir das alte Bahndreieck genauer ansehen, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Von oben nahmen wir den letzten Weg bergab, den ich bisher noch nicht kannte. Der brachte uns nach Seelbach.
Den Ort selbst umgingen wir komplett und stapften stattdessen an der Wied entlang Richtung Döttesfeld.
Von der Brücke aus ging es in den Ort und anschließend über den Westerwaldsteig bergauf. Dabei kamen wir an Resten alter, heute ungenutzter Bahndämme vorbei und hatten einen schönen Blick über Döttesfeld.
Von dort ging es zurück zur Wied.

Ich kletterte durchs Dickicht zu einem alten Brückenbogen, den ich zuvor schon einmal von oben fotografiert hatte.
Anschließend liefen wir weiter Richtung Klamm und Tunnel. Diesmal hatten wir mit den Nutrias allerdings kein Glück. Eines machte sofort Reißaus, als wir ankamen.

Danach folgte ich dem alten Bahndamm Richtung Seifen.
Von dort ging es schließlich zurück nach Seyen.
Fazit
Die elf Tage an der Wied im Westerwald waren wunderschön und vor allem erholsam.
Wir hatten für September bestes Wanderwetter und nur einen einzigen richtigen Regentag.

Dazu kam eine wunderschöne und ruhig gelegene Unterkunft, die Loki und mir genau die Ruhe und den Frieden gegeben hat, die ich gesucht hatte.
Ich konnte wandern.
Entdecken.

Mich mit der Geschichte der Region beschäftigen.
Einfach auf der Veranda sitzen.
Und Freunde treffen, die man nicht aus den Augen verlieren möchte.
Vor allem habe ich aber wieder gemerkt, dass eine gute Wanderung nicht unbedingt daran gemessen werden muss, wie viele Kilometer am Ende auf der Uhr stehen.

Manchmal sind die interessantesten Dinge genau dort zu finden, wo man langsamer wird, vom geplanten Weg abweicht und einfach mal nach links und rechts schaut.
Ja. Es war schon ein ziemlich perfekter Urlaub.